Dienstag, 12. Dezember 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Akzeptanz der deutschen Kohlenutzung – Fakten statt Fiktionen!

Michael Nippa

Nachdem die Schlacht um den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Atomenergie in Deutschland geschlagen ist, wird die breite Öffentlichkeit nun auf die scheinbare Notwendigkeit einer sofortigen Abwendung von der energetischen Nutzung der heimischen Braunkohle eingeschworen. Es wird der Eindruck erweckt, die deutsche Bevölkerung würde diesen weiteren Ausstieg mehrheitlich bedingungslos unterstützen. Die Ergebnisse einer repräsentativen, wissenschaftlichen Studie zeichnen ein differenzierteres Bild. Fakten und weniger Fiktionen sollten den Diskussionen und Entscheidungen zugrunde liegen, um eine nachhaltige Energiewende zu schaffen, die sozial, ökologisch und ökonomisch ausgewogen ist.

Die Kohle erfährt in vielen Industrie- und Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland keine Wertschätzung mehr. Ganz im Gegenteil: Erzeugte der heimische Rohstoff Kohle bis weit in das 20. Jahrhundert noch positive Assoziationen in Verbindung mit dem Aufstieg zur Industrienation und der Sicherstellung der Grundversorgung, so dominieren nun Begrifflichkeiten wie „Klimakiller Nummer 1“, „Zerstörung gewachsener Lebensräume“, „Enteignung“ und „Profitgier“ weite Teile der Darstellung in der Öffentlichkeit. In diesem Umfeld muss es schon als politisch mutig gewertet werden, dass die derzeitige Koalitionsregierung Ende des letzten Jahres ein, wenn auch bedingtes, Bekenntnis zur weiteren Kohlenutzung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Die reflexartige, spontane Reaktion waren Demonstrationen gegen diese Willensbekundung.

Etwa zur gleichen Zeit hat das Deutsche EnergieRohstoff-Zentrum (DER) die Ergebnisse seiner repräsentativen Befragung zur Akzeptanz der Kohle in Deutschland vorgelegt. Das mediale Interesse an einer Veröffentlichung bzw. Verbreitung der vielleicht überraschenden Erkenntnis, dass weite Teile der deutschen Bevölkerung ein viel differenzierteres Bild von der Kohle haben und mehrheitlich, wenn auch unter gewissen Bedingungen, einer weiteren Nutzung eher positiv gegenüberstehen, hielt sich in überschaubaren Grenzen.

Kohle wird insbesondere in den Massenmedien meist negativ dargestellt, ein öffentliches Eintreten für die Kohle wie auch schon die Darstellung von Vor- und Nachteilen wird diskreditiert und erzeugt nicht selten einen „Shitstorm“. So entsteht der Eindruck, dass die Deutschen die Kohlenutzung weit mehrheitlich ablehnen und nur das Gewinninteresse der Großindustrie – die auch in anderen Fällen oft als Sündenbock herhalten muss – den sofort möglichen Ausstieg aus der Kohlenutzung verhindert – zum Schaden der Natur (CO2) und des Menschen (Feinstaubemission, Umsiedelung). Eine der Objektivität verpflichtete wissenschaftliche Forschung zur Wahrnehmung und Akzeptanz umstrittener Energietechnologien führt ein Schattendasein: Welcher Wissenschaftler hat schon Freude daran, sich mit emotionsgeladenen, interessengeleiteten Vorwürfen auseinanderzusetzen, wo es doch konfliktfreie Mainstreamthemen gibt?

Akzeptanzforschung als Teil zukunftsorientierter Kohleforschung

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „Deutsches EnergieRohstoff-Zentrum Freiberg – Technologien für das Nach-Erdölzeitalter“ (www.energierohstoffzentrum.com), in dem unter ökonomischen und ökologischen Zielgrößen optimierte Technologien zur stofflichen Nutzung fossiler und biogener Rohstoffe entwickelt werden, erforschen wir seit 2010 bis Ende dieses Jahres auch die organisatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei wurde rasch deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz bzw. Ablehnung der Kohlenutzung als Resultat individueller und kollektiver Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse ein bedeutender Erfolgsfaktor für innovative Kohletechnologien und deren Vermarktung darstellt.

Das übergeordnete Ziel mehrerer, aufeinander aufbauender Studien ist es, einen sachorientierten, wissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis der Wirkprozesse zu leisten, die die Entscheidung eines Menschen, die Kohlenutzung (oder einer anderen Ressource bzw. Technologie) zu akzeptieren oder abzulehnen, bestimmen. Die Entscheidung wird dabei als das Ergebnis individueller und kollektiver Einstellungen und Willensbildungsprozesse betrachtet. Analysiert werden daher Wahrnehmungen, Assoziationen sowie Evaluationen im Hinblick auf unterschiedliche Konsequenzen eines Energieträgers bzw. einer Technologie. Die Frage: „Akzeptieren oder lehnen Sie Kohle ab?“ wird gar nicht direkt erfragt, nicht zuletzt, da solche Fragen durch individuelle Annahmen über die soziale Erwünschtheit verzerrt und die Antworten daher zumindest bedenklich sind. Untersucht werden vielmehr die Faktoren, die der gesellschaftlichen Kohleakzeptanz bzw. der Ablehnung der Kohle zugrunde liegen.

Repräsentative Befragung zur Kohleakzeptanz

Aufbauend auf internationalen Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Wahrnehmung, Bewertung und Akzeptanz unterschiedlicher Energieträger haben wir im Herbst 2013 eine repräsentativen Studie entwickelt und mithilfe des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid durchgeführt. Die wichtigsten und teilweise überraschenden Ergebnisse dieser Studie [1], an der im Oktober 2013 insgesamt etwas mehr als 1 000 Deutsche teilgenommen haben, sind nachfolgend zusammengefasst.

Bedingt durch den Forschungsschwerpunkt des DER auf der Optimierung der stofflichen Nutzung der heimischen Braunkohle wurden Fragen zum Kenntnisstand, zur Wahrnehmung, Einstellung und Akzeptanz von Kohle nicht nur in Bezug auf die energetische Nutzung, sondern auch hinsichtlich der Möglichkeiten einer stofflich-chemischen Verwertung gestellt. Zudem wurde die Auswirkung einer einseitig negativen und stark emotionalisierenden Berichterstattung auf die öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz des Rohstoffs Kohle untersucht, worauf im Weiteren aber nicht eingegangen wird.

Gerade in Bezug auf Analyseobjekte, die sich einer deterministischen und quantitativen Bewertung aufgrund vielfältiger, teilweise gegenläufiger Auswirkungen und hoher Unsicherheiten entziehen, weisen Entscheidungen hinsichtlich einer Befürwortung oder Ablehnung immer einen kognitiven, rationalen und einen affektiven, emotionalen Part auf. Es ist daher auch im Bezug auf die Kohleakzeptanz wichtig, den Wissenstand der Befragten zu kennen. Nur so lässt sich einschätzen, (1.) wie stark die Einstellungen und die Akzeptanz bzw. Ablehnung auf Sachargumenten beruhen und damit auch, (2.) inwieweit und wie diese gegebenenfalls beeinflusst werden können. Fachexperten gehen fälschlicher Weise häufig davon aus, dass die Betroffenen und Befragten über den gleichen Wissenstand verfügen wie sie selbst. Bei „unerwarteten“ Reaktionen und Widerständen sind sie dann überrascht.

Des Weiteren ist es – wie oben erwähnt – notwendig, die mit der Kohle bzw. der Kohlenutzung verbundenen Konsequenzen hinsichtlich unterschiedlicher Dimensionen zu differenzieren. Auf einer ersten Ebene hat sich die Unterscheidung hinsichtlich sozialer, ökologischer und ökonomischer Faktoren als zielführend erwiesen. Schließlich ist aus der verhaltenswissenschaftlichen Forschung bzw. auch eigener Erfahrung bekannt, dass Wahrnehmungen, Einstellungen, Bewertungen und Entscheidungen immer im Kontext einer komplexen und sich verändernden Umwelt erfolgen. Es gibt somit keine allgemeingültigen, bedingungs- und kontextfreien Entscheidungen. Das gilt selbstverständlich auch für die Akzeptanz der Kohle.

Marginales Wissen und das Gefühl, schlecht informiert zu sein

Wenn sie lesen, dass der Kenntnisstand der befragten Deutschen in Bezug auf die derzeitige Nutzung und zukünftige Nutzungspotenziale der Kohle mangelhaft ist, dann werden viele Leser spontan denken: „Wussten wir schon! Überrascht uns nicht!“ Man muss sich trotzdem wundern! Kohle als Energieträger spielt eine große Rolle im deutschen Energiemix und über den Erfolg bzw. Misserfolg der Energiewende, deren Voraussetzungen und Konsequenzen wird über alle Kommunikationskanäle ständig berichtet. Über vieles andere wird auch pausenlos berichtet, ohne dass es interessiert, da aber Energie und Energieversorgung von essenzieller Bedeutung für die Befragten ist, hätte man sich schon mehr Grundlagenwissen erwarten können.

Wir hatten um eine Abschätzung des Strommixes im Jahre 2012 bezüglich vier vorgegebener Energiequellen (Kernenergie; Gas und Erdöl; Stein- und Braunkohle; Erneuerbare) gebeten. Abb. 1 verdeutlicht die Ergebnisse im Vergleich mit der tatsächlichen Verteilung.

So wird bspw. der Anteil der Kohle am Strommix deutlich geringer eingeschätzt, als er tatsächlich ist. Der Anteil der Stein- und Braunkohle wird im Durchschnitt auf 25 % geschätzt – tatsächlich liegt er bei 44 %. Bezogen auf ein Genauigkeitsintervall von +/- 5 % liegen 79 % der befragten Deutschen bezüglich der Braun- und Steinkohle falsch (Ungenauigkeit bei den anderen Energiequellen: Gas und Öl 70 %, Atom 67 % und Erneuerbare 60 %). Auch dass die Stromerzeugung aus Kohle in den letzten zwei Jahren relativ zugenommen hat, wissen nur ca. 23 %. Da wundert es nicht, dass nur 24 % richtig angeben, dass Deutschland bei Braunkohle nicht auf Importe angewiesen ist bzw. nur 13% damit richtig liegen, dass ca. 75 % der Steinkohle importiert wird. Und noch weniger wundert es, dass die stoffliche Nutzung der Kohle und die damit deutliche Reduzierung des CO2-Ausstoßes weitgehend unbekannt ist: 38 % machten bei der offenen Frage zur stofflichen Nutzung keine Angabe, 40 % meinten „zum Heizen“. Alle diese Faktoren sind jedoch auf die eine oder andere Weise relevant für die Bewertung eines Ausstiegs aus der Stromerzeugung durch Kohle und die damit einhergehende positive oder negative Haltung bezüglich der heimischen Kohle.

Im Hinblick auf diese stichprobenartige Analyse des Wissensstandes der deutschen Bevölkerung interessierte uns auch die Frage, wie sich die Befragten subjektiv informiert fühlen. Auch hier kann man entgegnen, dass die Befragten ihr schlechtes Gewissen hinsichtlich der Wissensfragen damit entschuldigen, dass man sie unzureichend informiere. Da die Fragen in einer zufälligen Reihenfolge gestellt wurden, kann man diesen Effekt jedoch weitgehend ausschließen. In der Abb. 2 sind die Ergebnisse zu dieser Frage dargestellt.

Nahezu drei Viertel alle Befragten (71 %) fühlen sich eher schlecht (56 %) oder sehr schlecht (15 %) informiert. In Verbindung mit der geprüften Tatsache, dass diejenigen, die sich sehr gut (4 %) oder eher gut (24 %) informiert fühlen, im Regelfall tatsächlich auch besser bei den Wissensfragen abschneiden, stellt sich tatsächlich die Frage, wie der Wissenstransfer vor dem Hintergrund der schon herrschenden Informationsflut verbessert werden kann. Denn ein weiteres Ergebnis unserer Studie zeigt, dass diejenigen, die in der Nähe von Braunkohletagebauen und Kohlekraftwerken wohnen, sich besser informiert fühlen, besser informiert sind und eine deutlich höhere Akzeptanz gegenüber der Kohle aufweisen.

Differenzierte Bewertungen der Kohlenutzung und bedingte Akzeptanz

Im Rahmen einer repräsentativen Telefonbefragung lässt sich die Vielzahl der eine Akzeptanzentscheidung begründenden Faktoren nicht erfassen. Wir haben uns daher auf der Basis unserer Recherchen für je zwei Fragen entschieden, die die soziale, ökologische und ökonomische Dimension des Bewertungskalküls adressieren. Das Umfrageergebnis (siehe Abb. 3) verdeutlicht, dass die Befragten durchaus zwischen diesen Dimensionen differenzieren und vor allem, dass keine durchgehend negative Bewertung vorliegt. Ganz im Gegenteil, bezogen auf diese Bewertungskriterien schneidet die Kohle nicht so schlecht ab, wie es die überwiegende Darstellung in den Massenmedien vermuten ließe.

Es zeigt sich, dass die tatsächliche oder vermutete Umweltbelastung (CO2-Emissionen; Klimaveränderung) den stärksten negativen Einfluss auf die Einstellung zur Kohle und ihre Akzeptanz hat – 66 % der Befragten stimmten der entsprechenden Aussage zu, etwa 33 % der Bevölkerung teilen diese Bedenken nicht. Mehrheitlich (54 %) wird aber anerkannt, dass die Nutzung der heimischen Kohlevorkommen anderweitige Umweltbelastungen reduziert. Dass Kohlekraftwerke die eigene Gesundheit schädigen, glauben 40 %, während 57 % diese Bedenken nicht haben. Die positiven Auswirkungen der Nutzung der heimischen Kohle auf die Wirtschaft und damit verbundene Arbeitsplätze werden von 67 % der Deutschen gesehen, von denen die wenigsten direkt in rohstoffnahen Industrien arbeiten dürften. Interessant wäre es, in zukünftigen Forschungen zu analysieren, welcher dieser Faktoren mit welchem Gewicht in die individuelle Akzeptanzentscheidung einfließt.

Bezüglich der in der Studie verwendeten Akzeptanzfragen (vgl. Abb. 4) ist anzumerken, dass es sich hierbei um Fragen handelt, die eine Bedingung beinhalten, nämlich, dass die Kohlenutzung in der gegenwärtigen Situation notwendig und vernünftig ist. Wie oben angeführt ist eine solche Einschränkung jedoch nicht nur zulässig, sondern auch notwendig, weil logischerweise eine Energieerzeugung aus Kohle unsinnig ist, wenn weder der Strom benötigt würde oder aus erneuerbaren Energiequellen effizient gedeckt werden könnte.

Eine genauere Analyse der Daten ergab, dass der Aussage, dass Kohle benötigt würde, bis erneuerbare Energiequellen den Strombedarf decken können, statistisch signifikant mehr Männer, Befragte in den neuen Bundesländern und solche, die in der Nähe von Braunkohletagebauen leben, zustimmen, als die jeweiligen Vergleichsgruppen. Insbesondere die Gruppe derjenigen Befragten, die in der Nähe von Braunkohletagebauen leben, haben eine insgesamt deutlich positivere Einstellung zur Kohle und schätzen ökologische und soziale Risiken signifikant geringer ein als Befragte, die keinen direkten Bezug zur Kohle haben. Erinnert sei daran, dass diese Gruppe auch ein deutlich höheres Wissensniveau zu Fragen der Energieversorgung aufweist.

Gerade wenn die deutsche Bevölkerung die energetische Kohlenutzung mehrheitlich solange zu akzeptieren scheint, bis die Stromversorgung aus alternativen, insbesondere erneuerbaren Energiequellen zu sozialverträglichen Kosten und Preisen sichergestellt werden kann, stellt sich die Frage, welche Erwartungen hinsichtlich des damit verbundenen Zeithorizonts bestehen. Wir haben dazu die beiden in Abb. 5 genannten Fragen gestellt.

Unabhängig davon, für wie realistisch man die zeitlichen Vorstellungen der Befragten hält – insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es sich hier eher um Wunschdenken handelt, da allein schon der Anteil der Kohle am derzeitigen Kohlemix signifikant und oft massiv unterschätzt wird – ist einleuchtend, dass die Befürworter der Kohleverstromung im Zeitablauf weniger werden. In eine ähnliche Richtung weisen Detailauswertungen der Bewertungsfragen: Die Gruppe der über 50-jährigen Befragten steht der Kohlenutzung – möglicher Weise vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten historischen Erfahrungen – in vielerlei Hinsicht positiver gegenüber als die jüngere Generation. Auf solche demografischen Trends haben sich Entscheider einzustellen.

Akzeptanz und Akzeptanzforschung: Modeerscheinung oder Erfolgsfaktor?

Unserer Erfahrung nach behandeln viele Entscheider in Politik, Verwaltung und Wirtschaft die Thematik „Akzeptanz“ seltsam indifferent. Man scheint zu erkennen, dass die gesellschaftliche oder lokale Akzeptanz einer Technologie, einer Investitionsentscheidung oder einer Ausbauplanung nicht beiseite geschoben werden kann, aber ist selten fähig oder willens, proaktiv zu handeln. Möglicherweise, weil sich zum einen das wirtschaftliche, monetäre Potenzial einer aktiven Berücksichtigung und eines aktiven Managements der Akzeptanz nur schwer beziffern lässt, zum anderen, weil auf eigene Kommunikations- und Marketingabteilungen verwiesen werden kann, die die notwendigen Imagekampagnen schon initiieren werden. Angesichts der vielen Überraschungen, Verzögerungen, kostspieligen Reaktionen und Investitionsflops im Umfeld der Energiewende bleibt fraglich, ob diese Haltung optimale Ergebnisse zeitigt.

Unseres Erachtens sind weder die Bedingungen, Fakten und Prozesse, die Akzeptanz oder Ablehnung hervorrufen, noch deren Handlungsmotivation speziell im Zusammenhang mit Kohlenutzung ausreichend erforscht, erfasst und in alternativen Maßnahmen umgesetzt. Selbst die hier punktuell zusammengefasste Studie spiegelt nur einen Ausschnitt dessen wider, was im Rahmen einer fundierten und handlungsorientierten Akzeptanzanalyse zu leisten ist [2]. Maßnahmen zur Erhöhung der Akzeptanz bzw. zur Einstellungsänderung bei Betroffenen bzw. der Öffentlichkeit gehen weit über – in manchen Fällen sogar kontraproduktive – Imagekampagnen hinaus.

Handlungsempfehlungen

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich in gebotener Kürze formulieren? Bezogen auf die Kohlenutzung sind sicherlich Initiativen zur Detailanalyse des Auseinanderfallens von objektiven Informationsangeboten und subjektiver Informationsnachfrage und zur Schaffung von interessenübergreifenden Informationsportalen empfehlenswert. Daneben sollten die Möglichkeiten – und Grenzen – einer intensivierten stofflichen Nutzung heimischer Braunkohlevorkommen auch aufgrund ihrer deutlich geringeren CO2-Emissionen aktiver thematisiert werden. Die Meinung und das Wissen von Fachexperten verbreiten sich nicht automatisch. Als Brückentechnologie ist Kohle in Deutschland weitgehend akzeptiert – zu glauben, damit einen unbegrenzten Freibrief erhalten zu haben, wird sich als Irrglaube erweisen. Wirtschaft, Verbände und Politik sollten darüber informieren, wie weit die Brücke in die Zukunft reicht.

Allgemein kann hinsichtlich großer Infrastrukturvorhaben, die letztlich dem Erhalt oder Ausbau des Lebensstandards in Deutschland dienen sollten, empfohlen werden, neue Wege der frühzeitigen Einbeziehung von potenziell Betroffenen zu gehen. Angesichts der hohen Komplexität und vielfältiger Interdependenzen müssen jedoch gleichzeitig auch neue Wege gefunden werden, Entscheidungen mit der höchsten Sachkompetenz zu treffen, die unterschiedliche Szenarien und Risiken vorurteilsfrei gegeneinander abwägt. Zweifelsohne besteht die größte Herausforderung darin, Mechanismen zu implementieren, die einen vernünftigen Ausgleich zwischen größtmöglicher Beteiligung der breiten Öffentlichkeit und Durchsetzung der fachlich optimalen Lösung gewährleisten. Darüber hinaus sollte eine Akzeptanzforschung, die sich keiner Interessengruppe verpflichtet fühlen muss, gefördert werden. Dann steht zu hoffen, dass sich die zukunftsfähigste und nicht die ideologieträchtigste Alternative durchsetzt.

Konkretere Handlungsempfehlungen und To-do-Listen wären an dieser Stelle gewiss wünschenswert, dazu sind jedoch die aktuellen und zukünftigen Akzeptanzproblematiken speziell der Energiewende zu vielschichtig. Im Einzelfall lassen sich dagegen auf der Basis einer fundierten Analyse sicherlich immer tragfähige und zukunftsorientierte Lösungen finden.

Quellen

  1. Nippa, M.; Lee, R.P.; Gloaguen, S.; Meschke, S. u. Hanebuth, A.: Kohle – Akzeptanzdiskussionen im Zeichen der Energiewende. Denkanstöße aus der Wissenschaft. Studie, Technische Universität Bergakademie Freiberg, 2013. Abrufbar unter: http://energierohstoffzentrum.com/assets/Uploads/Media/Studien/Studie-Kohle-Akzeptanzdiskussionen-Auflage–2.pdf  ↩

  2. An dieser Stelle sei nur auf ausgewählte eigene Veröffentlichungen zur Wahrnehmung und Akzeptanz alternativer Energieträger inklusive der dort zitierten Literatur verwiesen: Nippa, M.; Lee, R.P.: Gesellschaftliche Akzeptanz der Kohle und die Zukunft der deutschen Kohleforschung. In: Chemie Ingenieur Technik (2014), DOI: 10.1002/cite.201300190. Nippa, M.; Lee, R.P.: Zum Einfluss der Nuklearkatastrophe von Fukushima auf die Bewertung unterschiedlicher Energiequellen in Deutschland. Erkenntnisse aus einer empirischen Untersuchung. In: J. Wolling & D. Arlt (Hrsg.): Fukushima und die Folgen. Medienberichterstattung, Öffentliche Meinung, Politische Konsequenzen, Universitätsverlag Ilmenau, 2014, S. 341–361. Lee, R.P.; Nippa, M.: Applying the Concept of Affective Rationality in Explaining Public Assessment of Alternative Forms of Electricity Production: Insights from Germany. DER Working Paper Series No. 1/2011.  ↩

Prof. Dr. M. Nippa, Professur ABWL insb. Unternehmensführung und Personalwesen, Technische Universität Bergakademie Freiberg
nippa@bwl.tu-freiberg.de

Danksagung

Das Forschungsprogramm und Verbundprojekt „Deutsches EnergieRohstoff-Zentrum (DER)“ wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter dem Förderkennzeichen 03IS2021A von 2010 bis Ende 2014 gefördert.

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