Montag, 24. Juli 2017
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IG BCE: Langfristige Perspektiven unserer Energieversorgung in den Blick nehmen

In diesem Jahr hatte es die Jahrespressekonferenz der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) im idyllischen Haltern am See besonders in sich. „Wir schrecken nicht davor zurück, den Finger in die Wunden zu legen“, stimmte der Vorsitzende Michael Vassiliadis die Journalisten ein. Wer erinnert sich noch daran, was er am 24.1.2017 getan hat? An diesem Tag war die Stromversorgung im ganzen Land nur mit allergrößter Mühe aufrecht zu erhalten. Weil es bewölkt war und sich kein Lüftchen regte, konnten die erneuerbaren Energien lediglich 5 % des benötigten Stroms ins Netz speisen. Es herrschte „Dunkelflaute“. Über Wochen sorgte das Wetter dafür, dass die meisten der 27 000 Windkraft- und 1,2 Mio. Solaranlagen ausfielen. Vom drohenden Blackout hat allerdings niemand etwas bemerkt.

Die deutschen Energieversorger konnten darauf reagieren und haben die Lücke geschlossen, „indem sie auch noch das letzte Reservekraftwerk ans Netz nahmen“. Kohle, Gas und Kernkraft hielten das Land quasi im Alleingang unter Strom. Diese von den Protagonisten der Energiewende offenbar klaglos in Kauf genommene Situation könnte sich jederzeit wiederholen. Wenn, wie geplant, zwischen 2016 und 2019 der Rückbau von 30 konventionellen Kraftwerken durchgezogen wird, ist ein flächendeckender Stromausfall demnächst so gut wie sicher. Das Resultat sind dann unkalkulierbare Folgen für Unternehmen und Verbraucher. Den beschleunigten Ausstieg aus der Kohle zu fordern, mutet bei solchen Aussichten jedenfalls grob fahrlässig an.

„Die Qualität des Produkts sinkt, gleichzeitig steigt sein Preis.“ Michael Vassiliadis legt Zahlen vor, die eine neue Bundesregierung im Herbst zum Gegensteuern veranlassen sollten: Allein die EEG-Umlage verschlingt jährlich 25 Mrd. €. Seit Beginn der Energiewende sind für die Stromkunden gut 500 Mrd. € an Förderung und Verbindlichkeiten angefallen. Das ist jetzt schon weit mehr als die Kohlesubventionen der vergangenen 60 Jahre! Zur Behebung der Engpässe in den Netzen, so schätzt die Bundesnetzagentur, sind bis zum Jahr 2023 4 Mrd. € aufzubringen. Der IG BCE-Vorsitzende: „Wir können nicht ungerührt zusehen, dass die Energieversorgung immer unsicherer wird.“

Dringend gebraucht werden Alternativen zu den Alternativen. Anders formuliert: „Eine ökonomisch und sozial vernünftige Energiewende, wie sie in Haltern schon immer gefordert wurde.“ So sollte die Braunkohle als Garant der Grundlast nicht vorschnell aufgegeben werden, sollten der Netzausbau forciert sowie mehr und bessere Stromspeicher installiert werden. Sich im Notfall auf Lieferungen aus dem Ausland zu verlassen, ist gewagt, wenn nicht gar leichtsinnig. Diese Mängel münden in eine klare Forderung, betont Vassiliadis: „Die Regierenden sollten sich endlich Gedanken über die langfristigen Perspektiven unserer Energieversorgung machen.“

Was es an weiterführenden Alternativen zur derzeit blockierenden Variante „Energiewende“ gibt, liegt schon seit langem auf dem Tisch: revolutionäre Hochtechnologie für den Strommix der Zukunft, künstliche Fotosynthese, Power-to-X und – man höre und staune – die Kernfusion. In letztere stecken Länder außerhalb Europas derzeit Milliardensummen. Hier gilt es mitzuhalten oder man wird abgehängt. Ohne eine belast- und bezahlbare Energieversorgung drohen Deutschland und Europa als Investitionsstandorte für energieintensive Unternehmen ins Hintertreffen zu geraten. Mit einem Plädoyer für die „Innovationsfähigkeit von Schlüsselindustrien“ schließt Michael Vassiliadis die Pressekonferenz.

Klaus Niehörster, Fachjournalist, Düsseldorf

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