Montag, 24. Juli 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Weltenergieverbrauch – Erwartungen entlang der Zeit

Im Jahr 1995, also vor gut 20 Jahren, hat Shell in der Studie „Energie im 21. Jahrhundert – Betrachtungen zur Entwicklung des Welt-Energieverbrauchs“ ein Szenario vorgestellt, wie sich die Weltenergieversorgung langfristig darstellen könnte. Einige wichtige Grundtendenzen werden darin qualitativ und quantitativ aufgezeigt, z. B. dass der Energieverbrauch wächst, das System diverser wird und Mobilität und Strom stark mit Wohlstand korrelieren. Doch wieviele der prognostizierten Entwicklungen sind Wirklichkeit geworden? Der Artikel zieht den Vergleich zwischen der damaligen Studie und dem aktuellen BP Energy Outlook, um die Differenz zwischen Erwartung und Realität aufzuzeigen.

Als Treiber hinter einem stark wachsenden Energieverbrauch wurde in der Shell-Studie [1] das globale Wirtschaftswachstum und insbesondere die steigende Zahl der Erdbewohner identifiziert. Für das Jahr 2030 wurde ein Verbrauch von etwa 24 Milliarden Tonnen Rohöleinheiten (Mrd. t ROE) prognostiziert (vgl. Abb. 1).

Schon 1995 waren die steigenden CO2-Emissionen Anlass zur Besorgnis. Erwartet wurde, dass der Verbrauch von Öl, Kohle und Gas zunächst deutlich ansteigt, aber gegen 2020 einen Höhepunkt erreicht. Peak-Oil war damals ein wichtiges Stichwort. Bei Kohle und Gas wurden bis in die 40er Jahre starke Zuwächse erwartet. Dabei sollte sich das Energiesystem perspektivisch deutlich diversifizieren. Wind und Biomasse galten als die großen Hoffnungsträger. Gerechnet wurde mit einem rapiden Anstieg der erneuerbaren Energien; bis 2030 sollten sie bald die Hälfte des Energiebedarfs decken.

Was hat sich verändert?

Wie ist die Lageeinschätzung heute? Was meinen die Fachleute der Energieindustrie? Der BP Energy Outlook 2017 [2] erwartet ebenfalls einen ansteigenden Energiebedarf, wenngleich dieser für 2030 nur noch auf eine Größenordnung von ca. 16 Mrd. t ROE beziffert wird. Ein Höhepunkt des Verbrauchs an Öl, Gas und Kohle wird nach BP bis zum Ende des Betrachtungszeitraums im Jahr 2035 nicht erwartet. Die klassischen Energieträger einschließlich Kernkraft und Wasser dominieren das globale Energiesystem weiter. Ob beim Verbauch der kohlenstoffhaltigen Energieträger gegen 2040, also wiederum in gut 20 Jahren von heute aus gesehen, ein Zenit überschritten sein wird, erscheint genauso ungewiss wie 1995, als Shell den Scheitelpunkt für das Jahr 2020 erwartet hat.

Sieht man sich die Prognose zum Energiebedarf nach Regionen an, stellt man fest, dass der Verbrauch der OECD-Länder stagniert. Der wachsende Energiehunger, insbesondere in Asien – China, Indien –, bestimmt die globalen Energietrends (Abb 2).

Aus dieser Betrachtung leiten sich mehrere Fragen ab. Sind wir zu optimistisch hinsichtlich der politisch angestrebten Verminderung der CO2-Emissionen? Wird die Rolle verschiedener Technologien sachgerecht eingeschätzt? Was können Wind und PV wirklich leisten? Ist die Energiedebatte, so wie sie in Europa geführt wird, zielführend?

Pragmatismus statt Weltanschauung

Möglicherweise ist es fahrlässig, alles vom Ende einer „dekarbonisierten Wunschwelt“ her zu denken, weil man dabei das heute Machbare und morgen Mögliche schnell als „nicht ambitioniert“ verwirft. Können wir es uns wirklich leisten, greifbare Verbesserungen mit dem Hinweis auf das Übermorgen Wünschenswerte ungenutzt zu lassen? Warum heben wir die heute bestehenden Potenziale nicht entschlossener und warum sind ganze Technologiefelder, bspw. inhärent sichere Kernkraftwerke oder CCS, bei uns im Land tabu. Ist es nicht widersinnig, wenn man heute den Neubau von Kohlenkraftwerken bekämpft, obwohl diese sofort Effizienzgewinne sowie niedrigere CO2-Emissionen liefern und nach geltendem Recht darüber hinaus in der EU „capture ready“ errichtet würden.

Auch erscheint es widersinnig, wenn man über Passivhäuser und Null-Energieverbrauch spricht, ohne die realen Potenziale bei Heizung, Warmwasser oder Außenhaut durch Modernisierung jetzt tatkräftig anzugehen. Umfassende E-Mobilität, große Stromspeicher sowie Stahl oder Zement ohne CO2 sind weit in der Zukunft liegende technische Visionen, die nur durch breit angelegte Forschung, Entwicklung und Demonstration erschlossen werden können.

Dieser Weg allerdings verläuft nach heutiger Erfahrung nicht gradlinig und geht deutlich bergauf. Erforderlich ist also eine pragmatische Energiedebatte, die sich im englischen besser als im deutschen Sprachgebrauch mit den Begriffen „innovation – resilience – no regret“ beschreiben lässt. Pragmatismus und nicht Weltanschauung sollte Leitlinie sein.

Literatur

  1. Shell-Studie: Energie im 21. Jahrhundert – Betrachtungen zur Entwicklung des Welt-energieverbrauchs; in Aktuelle Wirtschaftsanalysen, 5/1995, Heft 25.  ↩

  2. BP: BP Energy Outlook 2017 edition. London 2017. Abrufbar unter: http://www.bp.com/content/dam/bp/pdf/energy-economics/energy-outlook–2017/bp-energy-outlook–2017.pdf  ↩

„et“-Redaktion

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