Donnerstag, 30. März 2017
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-   ZUKUNFTSFRAGEN

Reinhard Madlener und Blake Alcott: Der Rebound-Effekt

Rezension: Madlener, R. u. Alcott, B.: Herausforderungen für eine technisch-ökonomische Entkoppelung von Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum unter besonderer Berücksichtigung der Systematisierung von Rebound-Effekten und Problemverschiebungen. Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages, Berlin 2011.

Im Dezember 2011 übergaben Prof. Dr. Reinhard Madlener von der RWTH Aachen und Blake Alcott von der Universität Oxford der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ein Gutachten unter dem Titel „Herausforderungen für eine technisch- ökonomische Entkoppelung von Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum unter besonderer Berücksichtigung der Systematisierung von Rebound-Effekten und Problemverschiebungen“.

Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine hochinteressante und lesenswerte Analyse der Wirkzusammenhänge zwischen technischem Fortschritt, Effizienzsteigerung, Wachstum sowie Energie- und Ressourcenverbrauch. Das in der Fachliteratur als Rebound-effekt bezeichnete Phänomen beschäftigt die Wirtschaftswissenschaften seit Jahren. Die Ergebnisse der neueren Forschung haben das Potenzial, die klima- und energiepolitische Debatte einschneidend zu verändern: Schließlich stellt der Rebound-effekt eine Grundannahme der gängigen Klima- und Energiepolitik in Frage, nämlich dass Effizienzsteigerung zwangsläufig in deutliche absolute Minderverbräuche münde. Viele Studien, aufgrund derer die politischen Institutionen den Umbau des Energiesystems anstreben, haben offenbar diese komplexen, aber entscheidenden Zusammenhänge allzu oft nicht berücksichtigt:

„Ersichtlich ist das bei Wirkungsanalysen (z. B. EnergieSchweiz, 2010), dem Stern-Report (Stern et al., 2006), globalen Übersichten (z. B. IEA, 2011) und umfassenden Berichten der Vereinten Nationen (z. B. UNEP, 2011) – alle die genannten Bereiche erwähnen Rebound entweder gar nicht oder nur flüchtig, ohne einen Versuch einer Quantifizierung und vielfach sehr ungenau“ [1].

Zielsetzung des Berichts für die Enquete-Kommission sei eine „Darstellung und Analyse der verschiedenen Ausprägungen des Rebound-effekts im Energie- und Umweltkontext“. Hierzu erstellten die Autoren auf Basis der aktuellen Forschungsliteratur eine Systematisierung der „gegenläufigen Effekte von Entkopplungsmaßnahmen (BIP * Ressourcen-, Umwelt-, Biokapital; Treibhausgas-Emissionen).“

Die Autoren unterscheiden hierbei zwischen direktem, indirektem Rebound sowie Null-Rebound und erklären diese Typisierung wie folgt:

„Der Begriff ‚Rebound‘ deckt alle Auswirkungen einer technischen Effizienzsteigerung auf die Nachfrage in einer Wirtschaft ab, nicht nur jene bei den direkt betroffenen Produkten (Güter und Dienstleistungen), die durch den technischen Fortschritt effizienter geworden sind. Sehr viele Studien untersuchen z. B. das Konsumverhalten, nachdem jemand ein ‚sparsameres‘ Fahrzeug kauft, nämlich die zusätzlich gefahrenen Kilometer oder vielleicht auch den Kauf eines zusätzlichen Fahrzeugs. Andere messen, wie viel mehr geheizt wird, nachdem ein Wohnhaus besser isoliert und die Beheizung dadurch kostengünstiger geworden ist. Dieser Rebound wird als Direktrebound bezeichnet. Indirekter Rebound hingegen bezeichnet alle anderen Auswirkungen: nach der Effizienzsteigerung hat z. B. der Konsument Kaufkraft übrig, die für alle nur denkbaren Produkte bzw. Dienstleistungen ausgegeben werden kann; zudem wird der Energieinput selbst billiger, weil die Effizienzsteigerung einer (temporären) Senkung der Nachfrage gleichkommt, was die Nachfrage wiederum ankurbelt. Die Auswirkungen dieser vorläufig brach liegenden Kaufkraft lassen sich folgendermaßen klassifizieren:

1. Der Konsument, der das durch die Effizienzsteigerung günstiger gewordene Produkt bislang gekauft oder genutzt hat (z. B. ein Fahrzeug), kauft mehr davon, oder nutzt es intensiver.

2. Dieser Konsument kauft ein anderes Produkt.

3. Ein anderer Konsument kauft oder benützt das günstiger gewordene Produkt.

4. Ein anderer Konsument kauft ein anderes Produkt, das durch die Effizienzsteigerung indirekt günstiger geworden ist.

5. Niemand kauft etwas mehr, sondern alle arbeiten, verdienen und kaufen weniger, proportional zur Effizienzveränderung.

Kategorien (1) und (3) bilden den direkten Rebound, Kategorien (2) und (4) den indirekten Rebound und Kategorie (5) den sog. ‚Null-Rebound‘, bei dem die ‚engineering savings‘ voll realisiert werden und die Gesellschaft mehr Freizeit zur Verfügung hat.

Leider werden ‚Rebound‘ und ‚Direktrebound‘ in der Literatur oft verwechselt bzw. genauer gesagt wird ‚Rebound‘ quantifiziert, aber nur der Direktrebound ist damit gemeint (Greening et al., 2000; Berkhout et al., 2000; vgl. Abb. 2). Weil der Direktrebound nur einen Teil der Auswirkungen misst, ist er immer kleiner als der Gesamtrebound. Der Gesamtrebound (d. h. die Aggregation aller Reboundeffekte) ist jedoch die umweltrelevante Größe. Auch der neuesten Literatur fehlt oft diese Präzisierung, mit manchmal irreführenden Botschaften (z. B. Millock & Nauges, 2010). Anzumerken wäre weiter, dass Direktrebound, wie auch immer er im Detail quantifiziert wird, alleine noch nichts aussagt, was aus Umweltsicht relevant wäre, da man davon die indirekten Effekte nicht herleiten kann“ [2].

Im Anschluss an diese Systematisierung setzen sich die Autoren mit der üblichen Herangehensweise an dieses Feld auseinander. Das sei die

„(meist deskriptive) statistische Analyse der Gesamtwirtschaft bezüglich BIP und Ressourcenverbrauch; die Bedeutung einer technischen Effizienzsteigerung aus Produzenten- bzw. Konsumentensicht; das Verfolgen aller durch gesteigerte Effizienz ausgelösten Preisveränderungen; und die gesteigerte Produktionskapazität der Wirtschaft“ [3].

Am Ende ihrer Analyse beklagen die Autoren die bisher eher mageren Forschungsergebnisse zu diesem komplexen volkswirtschaftlichen Phänomen. Erforderlich seien nun große Forschungsanstrengungen in diesem Bereich. Forschungsbedarf ist hier tatsächlich dringend geboten, denn ganz offensichtlich wurden auf Basis unvollständiger Analysen und fehlerhafter Berechnungen grundlegende Weichenstellungen für Eingriffe in die Wirtschaftsstruktur und die Energiesysteme vorbereitet.

Klar wird, dass die Verminderung des Energiebedarfs nicht einfach durch das Umlegen von Effizienzhebeln erfolgen kann, mit denen unmittelbar verbrauchsmindernde Effekte erzielt werden können, wie es einige Studien versprechen. Daher empfehlen Madlener und Alcott, nicht alleine auf die Energieeffizienz zu wetten. Wolle man den Energie- und Ressourcenverbrauch absolut senken und nicht nur spezifisch, empfehlen die Forscher „das Prinzip der Suffizienz oder Genügsamkeit“. Sollte die Genügsamkeit, also der freiwillige Verzicht als gesellschaftliches Prinzip, nicht wirksam werden, sei die notwendige Reduktion letztlich nur durch „Ressourcensteuern, Begrenzung des Ressourcenverbrauchs bzw. der Schadstoffemissionen (Caps)“ [4] erreichbar. Die Nutzung dieser Instrumente, um den Rebound zurückzudrängen, hätten jedoch gravierende Folgen für jede Volkswirtschaft:

„Obwohl direkte Maßnahmen gegen den Rebound-Konsum, wie Caps oder Steuern, das Umweltziel der Verminderung des Verbrauchs und der Emissionen unmittelbar zu erreichen helfen, hätten sie problematische Auswirkungen in anderen Bereichen, wie z. B. im Sozialbereich, wo es die Kaufkraft der Ärmsten zu schützen gilt“ [5].

Zwei Schlüsse lassen sich heute aus dem Gutachten ziehen:

Die angestrebte absolute Minderung des Energie- und Ressourcenverbrauchs sowie die Umgestaltung des Energiesystems hin zu teuren Energieinputs hätten viele mittelbare Auswirkungen. Angesichts der großen Lücken im Verständnis an der Grenzlinie Technik/ Volkswirtschaft erscheinen Berechnungen über mehrere Jahrzehnte fragwürdig. Als Strategie ergibt sich daraus, den Lösungsraum möglichst groß zu halten und sich in der Auswahl zukünftiger Technologien nicht voreilig festzulegen.

Die Erkenntnis, dass die angestrebte Verminderung des absoluten Energie- und Ressourcenverbrauchs mit Wohlstandsverlusten einhergeht, muss einen Platz in der politischen Debatte bekommen. Ob ein „Energiekonsens“ möglich ist, wenn Verbrauchsminderung und damit verbunden die Einschränkung von Lebensqualität und persönlicher Freiheiten politisch vorgegeben ist, muss eine gesellschaftliche Debatte klären. Erst dann können wirklich weitreichende und langfristige politische Entscheidungen zum angestrebten ökologischen Umbau der Industriegesellschaft und des Energiesystems getroffen werden.

Anmerkungen


  1. Madlener/Alcott: Herausforderungen für eine technisch- ökonomische Entkoppelung von Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum unter besonderer Berücksichtigung der Systematisierung von Rebound-Effekten und Problemverschiebungen. S. 7.  ↩

  2. Ebd. S. 8f.  ↩

  3. Ebd. S. 9.  ↩

  4. Ebd. S. 4.  ↩

  5. Ebd.  ↩

Vladimir von Schnurbein, Frankfurt/Main

Das Gutachten ist im Internet öffentlich zugänglich unter: http://www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum/datenaustausch/
Kommissionsmaterialie/M_13_Madlener_Alcott_Reboundstudie_111208.pdf

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