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Donnerstag, 25. August 2016 Schriftgröße
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-   ZUKUNFTSFRAGEN

„Wenn wir weiter so verfahren wie bisher, zerstören wir unsere Städte“

Interview mit Christoph Mäckler

Über 70 % der deutschen Bevölkerung leben in Städten. Dort befindet sich auch der größte Teil des Gebäudebestands, dessen Sanierung für das Gelingen der Energiewende entscheidend ist. Doch sind die sehr ehrgeizigen Vorgaben, hinter denen man schon heute weit hinterherhechelt, sowie Vorschriften wie Null- oder Plusenergiehaus im Neubaubereich überhaupt realistisch? Und ist es vernünftig, wenn wir die Häuser in unseren historischen Stadtvierteln in Wärmeschutzmäntel einpacken? „et“ sprach mit dem Architekten und Hochschullehrer Prof. Christoph Mäckler über die Folgen der politischen Pläne und Vorgaben im städtischen Gebäudesektor sowie sinnvollere Alternativen.

Problematik der Wärmedämmung

Prof. Christoph Mäckler, Direktor, Deutsches Institut für Stadtbaukunst, Technische Universität Dortmund; Prof. Christoph Mäckler Architekten, Frankfurt am Main

„et“: Die Verordnungen zur Energieeinsparung im Gebäudesektor stellen Architekten und Bauherren vor große Herausforderungen. Wie gehen Sie damit um?

Mäckler: Ich bin in meiner Architektur nie allein von Schönheit ausgegangen, sondern immer auch von Dauerhaftigkeit. Für dauerhafte Gebäude braucht es einen festen Stein- oder Betonkörper, jedenfalls keine äußere Wärmedämmung, die nicht einmal einen vernünftigen Putz ermöglicht. Unser Opernturm in Frankfurt am Main, zum Beispiel, ist nicht aus Glas, sondern hat eine tragende Betonfassade, die zu mehr als der Hälfte geschlossen ist. Allein durch diese konservative Konstruktion sparen wir schon 25 % an Energiekosten. Das zeigt sehr deutlich, dass wir wieder vernünftiger mit der Architektur und dem Bauen umgehen und nicht nur umweltpolitischen, technischen oder gestalterischen Idealen folgen sollten.

„et“: Sie unterscheiden explizit zwischen Dauerhaftigkeit und der sogenannten Nachhaltigkeit?

Mäckler: Allerdings. Die aktuelle Förderpolitik unterstützt nachhaltiges, aber nicht dauerhaftes Bauen. Das ist der große Fehler. Nachhaltig heißt hier, dass in 30 Jahren entsorgt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen beispielsweise beziffert die Lebenszykluszeit mit 30 Jahren. Als seien Gebäude Autos, die nach Gebrauch in ihre Einzelteile zerlegt und wieder dem Produktionsprozess zugeführt werden. Die Firma Sto zeigt übrigens in ihren eigenen Prospekten mögliche Probleme mit Wärmedämmverbundsystemen wie Schimmelbefall, und bietet schon heute die Sanierung von Sanierungen an.

„et“: Was stimmt denn an den Wärmedämmverbundsystemen nicht?

Mäckler: Die Behauptung etwa, man könne mit Wärmedämmverbundsystemen bis zu 60 % Energie einsparen, trifft allenfalls bei einem Sperrholzhaus zu, ansonsten ist sie nachweislich falsch. Die Forschung ist noch lange nicht so weit, um uns sagen zu können, aus was für Materialien und wie eine Fassadendämmung sein muss, damit sie dauerhaft ist und unsere Häuser und die ganze Baukultur nicht einpackt und unansehnlich macht.

„et“: Trotzdem werden heute Wärmedämmverbundsysteme in großem Stil eingesetzt. Weshalb?

Mäckler: Das liegt am Verkaufsinteresse der Industrie, die ihre Produkte im Markt vertreiben will. Regulieren können wir das nur durch Aufklärung und Gesetze. Wir müssen dafür sorgen, dass die Politik solche Fehlentwicklungen sieht und stoppt. Die Wärmedämmverbundsysteme halte ich geradezu für gefährlich, weil wir den kommenden Generationen Probleme aufhalsen, die wir selbst nicht haben möchten.

„et“: Mit welchen alternativen Maßnahmen ließe sich im Altbestand sinnvoller Energie einsparen?

Mäckler: Wir können heute schon sehr viel erreichen, ohne unsere Fassaden zu zerstören. Durch die Erneuerung der Haustechnik, der Heizungssysteme und Warmwasseranlagen lassen sich bereits 40 % der Energie einsparen. Sehr viel bringt auch die Dämmung von Kellergeschossdecken und Dachböden. Der Wärmeverlust der Fassade dagegen beträgt maximal 15 bis 17 %, wobei es auch die Meinung gibt, er falle noch geringer aus. Auch da werden wir mit Sicherheit neue Systeme finden, aber dazu muss man der Forschung Zeit geben.

Stadtbild und Energie

„et“: Welche Forschungsprojekte verfolgen Sie am Institut für Stadtbaukunst in Dortmund?

Mäckler: Fast alles, was wir heute über energetische Sanierungen wissen, stammt aus Laborwerten. Langzeiterfahrungen im Normalbetrieb gibt es keine. Deshalb arbeiten wir mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt DBU zusammen und bauen in Dortmund mit der Dogewo21 drei, in Franfurt am Main mit der Siedlungsbaugesellschaft ABG zehn Musterhäuser. Für Langzeitmessungen testen wir verschiedenste neue Material- und Fassadenkonstruktionen und schauen, wie sich die Häuser über eine lange Zeit klimatisch verhalten. Wir untersuchen aber auch Altbauten aus verschiedenen Zeiten, um herauszufinden, welche Möglichkeiten es zur Energieeinsparung gibt.

„et“: Bildet sich mit solch experimentellen Anordnungen ein neuer Zweig der Architektur heraus?

Mäckler: Ja, hätten Sie mir früher gesagt, ich würde dereinst Forschung betreiben, hätte ich gelacht. Tatsächlich war ich als Architekt bis vor vier Jahren an der Technischen Universität ausschließlich mit der Lehre im Städtebau beschäftigt. Nun haben wir beispielsweise ein Forschungsprojekt, das sich Stadtbild und Energie nennt. In unsere Vorstellungen von Energieeinsparung muss auch die Dichte einer Stadt eingehen.

„et“: Inwiefern?

Mäckler: In der Moderne wurde die funktionalistische Stadt mit Wohn-, Industrie- und Gewerbegebieten geschaffen, zwischen denen wir uns im Auto hin und her bewegen. Diese Entwicklung wird mit Einkaufszentren, die in Gewerbegebiete vor die Stadt gestellt werden, noch forciert. Es gab die Idee der aufgelockerten, durchgrünten Stadt, wie sie in Deutschland nach dem Krieg vorrangig herrschte, oder die verkehrsgerechte Stadt der 1960er- und 1970er-Jahre. Solche Moden musste die europäische Stadt über die letzten 60 Jahre aushalten. Ich hoffe, dass wir auch die Welle der Wärmedämmung überstehen.

„et“: Warum kommt es in Deutschland häufig zu derart resoluten Programmen?

Mäckler: Wie so häufig schütten wir das Kind mit dem Bade aus, anstatt eine Sache trefflich zu untersuchen. In Europa verfügen wir über die besten Technologien und hervorragende Forschungsinstitute, auch in der Industrie. Wir haben alle Möglichkeiten, nutzen sie aber nicht, weil wir aus wirtschaftlichen Gründen erste Ergebnisse zu schnell umsetzen wollen. Dies aber verursacht Schäden und zusätzliche Kosten.

Den nächsten Generationen Dauerhaftes weitergeben

„et“: Wird die Akzeptanz in der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt, wenn bei der Umsetzung von Energiesparmaßnahmen die Kosten explodieren? Geredet wird ja auch von einem Mieter-Vermieter-Dilemma.

Mäckler: Die Akzeptanz ist nicht das Hauptproblem und ein Mieter-Vermieter-Dilemma sehe ich auch nicht. Wir sollten einfach vernünftiger leben. Ein Hausbesitzer muss, wie auch der Mieter, dazu angehalten werden, weniger Energie zu verbrauchen, um der Gemeinschaft gerecht zu werden. Wir halten auch vor einer roten Ampel an. Die Investition in eine Immobilie sollte vom Vermieter wie vom Mieter getragen werden. Uns fehlt mittlerweile etwas der Gemeinsinn. Wenn Projektentwickler Häuser als Ware ansehen und so billig wie möglich bauen, um maximal daran zu verdienen, muss der Gesetzgeber klar sagen: „Passt mal auf Leute, so geht es nicht!“. Mittlerweile ist es ja auch selbstverständlich geworden, dass wir unseren Müll getrennt entsorgen. Bevor wir aber die notwendige Mülltrennung in der Immobilie propagieren, muss der Gesetzgeber dafür sorgen, dass Neubauten wie bisher auf eine Dauerhaftigkeit von wenigstens 150 Jahren ausgelegt sind. Wir sollten unseren nächsten Generationen Dauerhaftes weitergeben.

„et“: Was halten Sie vom sogenannten Passivhausstandard im Neubaubereich?

Mäckler: Inzwischen gibt es sogar den 0-Energie+-Hausstandard. Man kann Häuser mit Passivhausstandard auch mit dicken Wänden, etwa porosierten Steinen, bauen, statt sie wie einen Kühlschrank mit dicker Außendämmung zu versehen. Damit erzielen wir zunächst einmal Dauerhaftigkeit, statt der maximal 30-jährigen Nachhaltigkeit. Konkret hat der heutige Passivhausstandard allerdings den Nachteil, dass die Häuser künstlich belüftet werden müssen, was ich für völlig absurd halte. Wir Menschen sind doch Teil der Natur. Auch müssen die Lüftungsanlagen dauernd gewartet werden. Schauen sie sich eine Klimaanlage nach zehn Jahren Betrieb an, das sieht katastrophal aus.

Die Immobilie wirtschaftlich entschleunigen

„et“: Bei Neubau und Modernisierung gilt das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs. Wo liegen die technisch und wirtschaftlich sinnvollen Optima?

Mäckler: Wir müssen die Immobilie wirtschaftlich entschleunigen, wenn wir den nächsten Generationen nicht nur Minderwertiges hinterlassen wollen. Wenn Dauerhaftes mit der Erneuerung der technischen Einbauten eines Hauses verbunden wird, bleibt der Immobilienwirtschaft genügend Spielraum und die Baukultur wird gleichzeitig gestärkt.

„et“: Die über 200 000 Neubauwohnungen jährlich erscheinen wenig im Vergleich zu einem Bestand von über 39 Mio. Gebäuden. Sind die Erwartungen der Bundesregierung hinsichtlich des Energieverbrauchs im Gebäudebestand im Jahr 2050 überhaupt realistisch?

Mäckler: Im Neubaubereich können wir alle Vorgaben erfüllen und das finde ich auch gut so. Was hingegen im Altbau erreichbar sein könnte, hängt von so vielen Dingen ab, dass mir diese Erwartung völlig unrealistisch erscheint. Wir beginnen ja erst zu verstehen, dass mit den Sanierungen, so wie sie heute realisiert werden, die Schönheit der europäischen Stadt zerstört wird. Städte, die weltweit einen hohen Stellenwert haben. Die Verunsicherung, ob hier richtig gehandelt wird, nimmt glücklicherweise stark zu, wie man an den vermehrt kritischen Stimmen in den Medien erkennt.

„et“: Mit dem Sanierungseifer geht also ein Verlust an Schönheit, Vielfalt und Originalität einher?

Mäckler: Wenn wir weiter so verfahren wie bisher, zerstören wir unsere Städte. Aber nur wir Deutschen – unsere europäischen Nachbarn machen sich über diesen Eifer, die Zerstörung voranzutreiben, eher lustig. Oder glauben Sie, dass man Paris einpacken wird? Wärmedämmverbundsysteme müssten zumindest im Neubaubereich verboten werden. Diese Pappdeckelbauweisen sind völlig inakzeptabel. Dabei geht es weniger um Schönheit, Vielfalt oder Originalität, als um Dauerhaftigkeit. Dereinst wird es wohl Dachziegel geben, die wunderschön aussehen und gleichzeitig Strom liefern. Die Forschung wird uns in den nächsten Jahrzehnten noch ganz andere Möglichkeiten bieten. Wir brauchen eben Zeit! Aber die mit Verbundsystemen eingepackten Städte wird man dann nicht mehr heilen! Die Stukkaturen und Verzierungen von Klinkerhäusern aus den 1920er-Jahren sind dann dauerhaft vernichtet.

„et“: Auch dezentrale Energieerzeugungsanlagen und Biomasseanbau werden das Landschaftsbild und die Natur beeinflussen. Was sagt ein Architekt dazu?

Mäckler: Es gibt Energiegewinnungsanlagen, die das Landschaftsbild in keinster Weise zerstören, andere dagegen schon. Damit sollte man vorsichtig umgehen. Und Windräder kann man wieder abschrauben, da hat dann die Wirtschaft gut daran verdient und viele Arbeitsplätze geschaffen. Geradezu als Verbrechen an der Natur halte ich den Biomassenanbau. Die Natur ist da, um uns zu ernähren und zu erfreuen, nicht um unsere Häuser auf 22 Grad heizen zu können. Warum wirbt die Politik nicht mehr für eine selbstverständliche Einsparung, indem man beispielsweise die Zimmertemperaturen etwas senkt und einen Pulli anzieht? Man geht von dem Luxus aus, barfuss und im kurzärmeligen Hemd durchs Haus zu laufen, als würden wir in der Südsee wohnen.

„et“: Der Anteil Deutschlands an den globalen CO2-Emissionen liegt bei 2,5 %. Hat die Bundesregierung vor diesem Hintergrund das Augenmaß für den Beitrag Deutschlands zur „Rettung der Weltklimas“ verloren?

Mäckler: Die Politik hat das Augenmaß völlig verloren, überschätzt den Einsparungsgewinn und setzt die Werte falsch. Mit völlig überzogenen Zielen setzen wir uns unter einen absurden Druck, worüber andere nur lachen. Nur wir Deutschen versuchen wieder, alles perfekt zu machen. Wir müssen diese Themen viel gelassener angehen. Selbstverständlich spielt der Immobilienbestand bei den Energieverlusten eine wichtige Rolle, aber wir könnten auch über ganz andere Dinge nachdenken. Das Weltklima werden wir jedenfalls nicht retten.

„et“: Dringt Ihre Stimme bis Berlin durch, werden Sie dort gehört?

Mäckler: Natürlich, aber die Lobby ist stärker als der Herr Mäckler, jedenfalls zurzeit noch! Es gibt jedoch sehr viele Mitstreiter unterschiedlichster Profession, die diese Entwicklungen kritisch sehen.

„et“: Herr Prof. Mäckler, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte André Behr, Wissenschaftsjournalist, Zürich

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