Donnerstag, 17. Januar 2019
-   ZUKUNFTSFRAGEN

„Energiesparen durch Effizienzfortschritte ist in einem weiter wachsenden System schlichtweg eine Illusion“

Energieeffizienz und Energiesparen spielen im deutschen Energiekonzept 2050 eine wichtige Rolle. In der Vergangenheit hat sich jedoch gezeigt, dass Erfolge zum Teil durch Mehrnutzung oder Nutzung an anderer Stelle partiell und manchmal auch völlig konterkariert wurden. Die Erforschung des „Übeltäters“, des Rebound-Effektes, steht noch relativ am Anfang. Wie kommt es, dass die effizientere Verwendung von Energie in Haushalten, Gebäuden oder auch im Verkehr nicht den Einspareffekt erreicht, den man damit verbindet? „et“ hakte beim Wissenschaftler Reinhard Madlener von der RWTH Aachen nach.

Univ.-Prof. Dr. rer. soc. oec. Reinhard Madlener, Leiter des Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) am E.ON Energy Research Center der RWTH Aachen

„et“: Herr Prof. Madlener, Sie haben im Dezember 2011 der Enquete-Kommission „Wachstum, wohlstand, lebensqualität“ des Deutschen Bundestages eine Studie zu den Ausprägungen des Rebound-Effekts im Energie- und Umweltkontext vorgelegt. Wie war die Reaktion?

Madlener: Die Reaktionen waren gemischt, aber großteils von Interesse und Detailfragen geprägt. Manchmal tauchte Skepsis auf, was mögliche Konsequenzen einer Berücksichtigung von Rebound-Effekten anlangt, manchmal vermeintliche Weisheit, dass die Rebound-Problematik ja letztlich ein alter Hut sei. Eine zentrale Erkenntnis für viele daraus war, denke ich, dass das Thema Rebound die Konsum- und die Produktionsseite betrifft, Effizienz nur bedingt zur Ressourcenschonung beiträgt und dass effizientere Technologien vielfach global zu mehr Wachstum und Umweltverbrauch führen können. Dass sich Mitglieder des deutschen Parlaments und deren Experten die Kernaussagen und Einsichten aber angehört und darüber diskutiert haben, war für mich ein wichtiges Zeichen. Das Thema Rebound steht wieder verstärkt im Interesse der Politik und der Wissenschaft und wird auch von der deutschen Bundespolitik inzwischen offensichtlich sehr ernst genommen.

„et“: Warum ist das so wichtig?

Madlener: Weil Ressourceneffizienz alleine nicht unbedingt zu Einsparungen im Ressourcenkonsum führt, ja ohne beschränkende Begleitmaßnahmen sogar das Gegenteil bewirken kann. Die zugrunde liegenden Rebound-Mechanismen sind allerdings sehr komplex. Daher ist die Versuchung groß, Rebound-Effekte auf eine einfache Botschaft oder eine einfache Formel zu reduzieren, was freilich nicht funktioniert. Vielleicht ändert sich an dieser Praxis etwas, wenn Journalisten wie in der „et“ weiterhin kritische Fragen zur tatsächlichen Wirksamkeit von Energieeffizienz-Politiken stellen. Man kann die Situation mit dem Klimathema vergleichen. Auch dort läuft die Diskussion immer wieder auf Verkürzungen und Verharmlosungen hinaus und besteht die Hoffnung, das Problem mittels technischer Lösungen und weniger durch Verhaltensänderungen rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Rebound-Effekt: Funktionsweise und Folgen

„et“: Wir haben ebenfalls Verständnisfragen. Wie umschreiben Sie den Rebound-Effekt?

Madlener: Stellen wir uns Rebound so vor: Ein Gerät oder ein Prozess wird technisch derart verändert, dass für dessen Produktion oder für die Bereitstellung der gleichen Dienstleistung in der Nutzung weniger Ressourceneinsatz benötigt wird. Der Rebound-Effekt bezieht sich auf durch Verhaltensanpassungen nicht realisierte Einsparungen im Ressourcenverbrauch relativ zu den potenziellen, erwarteten Ressourceneinsparungen als folge technischen Fortschritts. Der Effekt beschreibt letztlich einen ökonomischen Anpassungsmechanismus, der sich auf mehreren Ebenen (Individuum, Industrie, nationale Volkswirtschaft, Weltwirtschaft) abspielt und sich aus direkten und indirekten Komponenten zusammensetzt. Ist der Effekt größer als 100 %, spricht man von „Backfire“, was bedeutet, dass Effizienzsteigerungen tatsächlich zu Mehrverbrauch der Ressource führen, mithin Effizienzpolitiken kontraproduktiv wären.

„et“: Führt denn eine effizientere Verwendung von Energie zwangsläufig zu einer breiteren Nutzung?

Madlener: Dies war wohl die Behauptung von William Stanley Jevons, dem ersten „Rebound-Forscher“, in seinem 1865 erschienenen Buch „The Coal Question“. Deshalb wird diese Theorie, dass Effizienz kausal den Verbrauch der effizienter genutzten Ressource erhöht, heute auch „Jevons Paradox“ genannt. Die Wissenschaft kann diese Frage allerdings noch nicht schlüssig beantworten. Erhärtet ist bloß die Erkenntnis, dass höhere Effizienz insgesamt sehr wahrscheinlich keine Ersparnisse verursacht. Die Menge an Energie beispielsweise, die durch Effizienzsteigerung eingespart werden könnte, wird letztlich einfach für eine Nutzung – bei Autos beispielsweise durch Modelle mit stärkeren Motoren und mehr Komfort, mit denen wir dann öfter weitere Distanzen fahren, – oder aber andere Aktivitäten gebraucht. Und die Zahl der Menschen, ihrer Geräte und Gebäude, in denen diese effizienten Technologien eingesetzt werden, steigt ebenso wie deren kaufkraft und Ansprüche immer weiter an. Selbst wenn wir in Deutschland also weniger Energie verbrauchen, würde es die effizientere Technik anderen erst ermöglichen, diese ebenfalls zu verwenden.

„et“: Wie wichtig ist es für eine umweltorientierte Energiepolitik zu wissen, ob das „Jevons Paradox“ stimmt oder nicht?

Madlener: Es reicht zu wissen, dass Effizienzpolitik allein als Ressourcen-Einsparpolitik global und langfristig betrachtet sehr ineffektiv sein dürfte. Der Politik stehen aber durchaus effektive Maßnahmen zur Verfügung, wie etwa Mengenbeschränkungen, auf neudeutsch „Caps“, oder entsprechend hohe Steuern auf jene Ressourcen, bei denen durch zu hohen Verbrauch große Umwelt- oder Versorgungsprobleme entstehen.

„et“: Dennoch ist ein Kernpunkt des Energieprogramms der Bundesregierung, durch Effizienzverbesserungen bis 2050 den Energieverbrauch um 50 % und den Stromverbrauch um 25 % zu senken. Wird der Rebound-Effekt unterschätzt, zumal man gleichzeitig ein starkes Wirtschaftswachstum unterstellt?

Madlener: In der Tat. Das Wirtschaftswachstum ist ein Mitverursacher steigenden Ressourcenkonsums. Wenn einzelne Ressourcen produktiver genutzt werden können, werden sie relativ betrachtet attraktiver, was ihre Nachfrage weiter ankurbelt. Eine absolute Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch – d. h. steigende Wirtschaftsleistung bei sinkendem Ressourcenverbrauch – findet auch in den wohlstandsverwöhnten Industrieländern so gut wie nie statt. Meines Erachtens werden Rebound-Effekte in den meisten Modellrechnungen nach wie vor völlig unzureichend oder gar nicht berücksichtigt.

„et“: Weil sich Maßnahmen zur Effizienzsteigerung seit Jahrzehnten politisch besser verkaufen lassen?

Madlener: Ja, leider. „Innovation“ und „Effizienz“ sind positiver besetzte Begriffe als „Sparen“ und „Lenkungssteuer“ – der „Geiz ist geil“-Gedanke hat sich beim Energiekonsum bisher leider noch nicht durchgesetzt. Mittlerweile allerdings erkennt die Politik, auch auf der EU-Ebene, dass Effizienzpolitik unter dem Strich nicht die erwarteten oder erhofften Ressourceneinsparungen gebracht hat. Deshalb hört man auch vermehrt den Ruf nach Caps und Ökosteuern. In Wahrheit wären die Zwischenschritte von forcierter Effizienzsteigerung und langwieriger, wissenschaftlich sehr schwieriger Messung von Rebound gar nicht nötig gewesen, um eine erfolgreiche Ressourcenpolitik zu gestalten. Man hätte sich diese Mühe sparen können, zumal forcierte Energieeffizienz ebenfalls nicht kostenlos zu haben ist – es braucht Gelder für Forschung und Entwicklung und für die finanzielle Förderung bei der Einführung.

„et“: Wie bewerten Sie die Annahme, es bestehe eine lineare Verknüpfung zwischen Effizienzsteigerung und sinkendem Energiebedarf?

Madlener: Eine Reihe von Studien unterstellt diese simple, verkehrt proportionale Beziehung zwischen der Steigerung der Energieeffizienz- bzw. Energieproduktivität und Verminderungen im aggregierten Energieverbrauch. Das sind viel zu naive „Milchmädchenrechnungen“ auf Basis der spezifischen Verbräuche, die aufgrund ihrer Vernachlässigung menschlicher Verhaltensweisen und wirtschaftlichen Anpassungsmechanismen mittlerweile sogar von vielen Ingenieuren als falsch erkannt und zunehmend kritisiert werden.

„et“: Denken Sie dabei an konkrete Untersuchungen?

Madlener: Nicht im Speziellen. Das betrifft sehr viele Modelle und darauf basierende Studien, insbesondere partialanalytische, die den strukturellen Wandel, das Wachstum des Gesamtsystems und ungesättigte oder neu entstehende Bedürfnisse nur unzureichend oder gar nicht berücksichtigen, oder aber die Elastizität der Nachfrage bei Effizienzsteigerungen schlichtweg falsch einschätzen oder mangelhaft zu berücksichtigen versuchen.

„et“: Welche ökonomischen Mechanismen sind in Wahrheit wirksam?

Madlener: Die wesentlich komplexeren Zusammenhänge von Veränderungen der Faktorproduktivität. Effizienzsteigerungen durch technischen Fortschritt reduzieren den impliziten Preis des Produktionsfaktors bzw. einer bereitgestellten Dienstleistung und steigern dessen Nachfrage, was wiederum das Wachstum antreibt. Es kommt zu Verschiebungen von Angebot und Nachfrage und letztlich zu einem neuen wirtschaftlichen Gleichgewicht. Multiple Rebound-Effekte finden zur gleichen Zeit und auf verschiedenen Ebenen statt. Der kombinierte Effekt daraus resultiert in einer komplexen, nicht-linearen Interdependenz zwischen Energiebedarf, Energienachfrage, wirtschaftlicher Aktivität bzw. Output und der erreichten Energieintensität bzw. -produktivität.

„et“: Also alles andere als eine proportionale Abnahme des Ressourcenverbrauchs?

Madlener: Ja, beobachten lässt sich oft das Gegenteil: Der Energiekonsum steigt trotz enormer Effizienzsteigerungen bei guter Konjunkturlage weiter munter an. Wobei die Behauptung einer kausalen Verknüpfung, die Effizienzsteigerung senke an sich den Energiekonsum und die beobachtete Konsumsteigerung sei durch andere Faktoren wie Bevölkerungswachstum verursacht, theoretisch ist. Eine effiziente Ressourcennutzung erlaubt den Einsatz von mehr Produktionsmitteln, unter anderem auch für die Produktion von Nahrungsmitteln, was wiederum eine größere Bevölkerungszahl und höhere Konsumniveaus erst ermöglicht.

„et“: Können Sie abschätzen, inwieweit der Rebound-Effekt in die zahlreichen Studien und Szenarien zum Wandel unseres Energiesystems einfließt?

Madlener: Leider wird der Rebound-Mechanismus noch immer von vielen Nicht-Ökonomen, Journalisten und Regierungsbeamten bewusst oder unbewusst ignoriert, verdrängt oder nicht richtig verstanden. „Sparen durch Effizienz“ ist ein weit verbreitetes Wunschdenken, aber eben nicht der ganze Wirkzusammenhang von Effizienzsteigerungen. Insbesondere die gesamtwirtschaftliche Tragweite wird stark unterschätzt. Meist ist nur der direkte Rebound gemeint, der sich je nach betrachtetem Bereich der Energienutzung tatsächlich etwa zwischen 0 bis 50 % zu bewegen scheint. Unter Forschern hingegen ist die Bedeutung von Rebound-Effekten allgemein anerkannt, wenngleich bezüglich der Höhe auch nach über 30 Jahren Rebound-Forschung noch viel Unklarheit und Uneinigkeit herrscht.

„et“: Man setzt direkten Rebound gerne dem Gesamt-Rebound gleich, weil er der bekannteste ist?

Madlener: Ja, der Rebound-Effekt wurde am besten auf der Basis des direkten und indirekten Rebounds analysiert, also auf der Mikroebene. Im Sinne von: Ich kaufe ein energieeffizientes Auto, was die Tendenz fördert, wegen der verminderten Treibstoffkosten und des „grünen Gewissens“ mehr zu fahren (direkter Rebound-Effekt), oder aber mit dem gesparten Geld zwischendurch ein paar zusätzliche Billigflugreisen zu unternehmen (indirekter Rebound-Effekt). Viel empirisch-quantitativer Forschungsbedarf besteht auch beim Rebound durch effizientere Allzweck-Technologien, wie beispielsweise elektrischen Motoren mit Druckmaschinen, massenhaft erzeugten neuen elektrischen „Geräten“ (vgl. Wirtschaftswoche– Artikel „Überall Strom“, 23.4.2012), wo Effizienzverbesserungen deren Einsatzgebiete massiv erweitern können, oder beim „Zeitrebound“. Dieser Effekt beschreibt, inwieweit uns effiziente neue Technologien helfen, Zeit einzusparen, und wir von langsameren, aber dafür weniger energieintensiven Verhaltensweisen auf diese neuen umsteigen (z. B. e-Bike statt Fußmarsch, Flug- statt Bahnreise, Tiefkühlkost und Fast Food statt frisch gekaufte Produkte und selbst Gekochtes).

„et“: Ist Deutschland in der Rebound-Forschung gut positioniert?

Madlener: Ja. Obwohl speziell im Vereinigten Königreich sehr viel Pionierforschung geleistet wurde, gibt es auch in Deutschland einige hervorragende Rebound-Forscher. Nachholbedarf sehe ich noch bei der Erforschung der gesamtwirtschaftlichen und globalen Rebound-Effekte, der Reboundforschung in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch bei der Berücksichtigung der „grauen“ Energie, die in den zunehmend auch global gehandelten Produkten steckt. Denn ein Teil der beispielsweise in China emittierten Treibhausgase dient auch der Bedürfnisbefriedigung der westlichen Welt. In den letzten Jahren fanden massive Produktionsverlagerungen statt, die unsere Treibhausgas-Bilanzen schöner aussehen lassen, als sie tatsächlich sind.

Weitreichende politische Vorgaben erforderlich?

„et“: Der fossile Energieverbrauch muss deutlich sinken, um die Klimaziele erreichen zu können. Rechnen Sie mit der Einsicht der Menschen oder sind hier weitreichende politische Vorgaben erforderlich?

Madlener: Diese Frage ist sehr interessant, weil sie einen falschen Gegensatz zwischen „Einsicht der Menschen“ und „politischen Vorgaben“ aufstellt. In einer Demokratie wollen wir doch mehrheitsfähige politische Vorgaben. Bis gesellschaftliche Regeln daher Gesetz werden, um den Konsum problematischer Ressourcen zwingend einzuschränken, muss erst eine Mehrheit der Wähler die Einsicht erringen, dass Verbrauch und Verschmutzung der Natur vielfach zu weit gegangen sind.

„et“: Heißt das, wir müssen unsere Lebensgewohnheiten deutlich ändern?

Madlener: Wenn wir die aus fossilen Quellen gewonnene Energie durch Wind, Wasser, Solar, Geothermie usw. zu 100 % ersetzen wollen bzw. müssen, kostet das besonders kurzfristig eine Menge Geld, wodurch unser materieller Lebensstandard tendenziell eher sinken dürfte. Denn die Erzeugungs- und Investitionskosten für eine Einheit erneuerbarer Energie sind meist noch sehr viel höher als die für eine Einheit nicht-erneuerbarer. Dazu kommen viele Landnutzungskonflikte, weil auch die erneuerbaren Energien nicht frei von negativen Umweltauswirkungen, und oft sehr flächenintesiv sind. Politiker riskieren ihre Abwahl, wenn sie solch unpopuläre Botschaften verkünden. Dennoch muss man den Bürgern hier reinen Wein einschenken. Vielleicht bedarf es sogar einer Volksabstimmung über ein klar definiertes Umsetzungskonzept der Energiewende, also eines gesellschaftlich legitimierten und akzeptierten Gesamtkonzeptes, insbesondere bezüglich der Großanlagen, Übertragungsleitungen und dem Datenschutz bei den intelligenten Geräten und Haushalten, um hier zügig voranzukommen. Journalisten können und sollten zwischenzeitlich wichtige Aufklärungsarbeit in diesen Feldern leisten.

„et“: Wird diese Aufklärungsarbeit von Seiten der Wissenschaft hinreichend erbracht?

Madlener: Die Kanzlerin hatte das Reaktorunglück in Fukushima zum Anlass genommen, um angesichts der zunehmend katastrophalen Auswirkungen der Nutzung fossiler Energieträger und die Problematik rund um die Kernenergie die längst fällige Energiewende politisch einzuläuten. Allerdings blieb wenig Zeit abzuklären, was das in einem liberalisierten Marktumfeld genau bedeutet, insbesondere in Bezug auf die Versorgungssicherheit gegebenenfalls zu leistende Entschädigungszahlungen, den optimalen Technologiemix und die notwendigen neuen Marktmechanismen bei einem rapide zunehmenden Anteil volatiler regenerativer Energien und sinkender Grenzkosten (nicht unbedingt Gesamtkosten!) der Stromerzeugung.

Zwei Bereiche, in denen noch viel Forschungsbedarf besteht, sind die zukünftige Rolle der privaten Haushalte als „Produzenten-Konsumenten“ von Energie und die bei einer zu starken Subventionierung entstehenden Mitnahmeeffekte, beispielsweise bei der energetischen Sanierung von Wohngebäuden oder der Elektromobilität, welche die Förderung sehr ineffizient machen kann. Die derzeitigen Forschungsanstrengungen und die aktuelle Diskussion in Wirtschaft und Politik gehen aber mittlerweile auch in diese Richtung.

„et“: Passt die unangenehme Botschaft, dass Energieeffizienz nicht automatisch zur Abnahme des Energieverbrauchs führt, nicht in unsere Vorstellung der „Energiewende“ oder ist der Rebound-Effekt schlicht zu kompliziert für eine öffentliche Debatte?

Madlener: Beides. Es ist für viele eine wenig erfreuliche Wahrheit, dass es so wie bisher vermutlich nicht mehr lange weitergehen kann. Verhaltens- und Bedürfnisänderungen werden notwendig sein. Vielleicht ist die Energiewende mit freiwilligen, auf entschleunigten und weniger materialistischen Lebensstilen basierenden Maßnahmen wesentlich kostengünstiger zu bewerkstelligen als durch forcierte technische Lösungen. Da und dort muss der Wandel durch Lenkungssteuern oder Caps und natürlich viel Aufklärungsarbeit ergänzt werden, um den Transformationsprozess zu beschleunigen.

Rebound-Effekte in ihrer gesamten Tragweite zumindest intuitiv zu verstehen, ist gar nicht so schwierig. Problematischer ist, dass man sie weder heute noch in Zukunft exakt quantifizieren können wird. Egal wie gut man die Rebound-Effekte verstanden hat: Um den Rebound gering zu halten, kommt man um die Einführung von Steuern oder Caps nicht herum, was wachstumsmindernd sein kann und soziale Härtefälle – Stichwort Energiearmut – mit sich bringen wird, die es abzufedern gilt. Den Bürgern muss in erster Linie klar gemacht werden, dass wir die Verbräuche besonders kritischer Ressourcen – und dazu zählen ganz klar die fossilen Energieträger – drastisch zurückfahren müssen.

„et“: Inwieweit ist bei den Politikern das Verständnis vorhanden, dass sich aus einer Senkung des Energieverbrauchs über Steuern und Caps Konflikte mit anderen Politikfeldern wie der Sozial- oder Wirtschaftspolitik ergeben?

Madlener: Solche möglichen Problemverschiebungen sind vermutlich ein weiterer Grund, warum das Thema nicht schneller angegangen wird. Die Systemstabilität durch Überkonsum weiter zu gefährden und auf Kosten der zukünftigen Generationen zu leben, ist aber auch keine nachhaltige Lösung. Es bleibt uns, ähnlich wie bei der aktuellen Finanz- und Staatsschuldenkrise, nichts anderes übrig, als den unangenehmen Tatsachen ins Auge zu blicken. Ansonsten laufen wir Gefahr, uns in chaotische Zustände zu manövrieren, weil wir die Ökosysteme weiter heftig überstrapazieren und die Konsequenzen des Überschreitens kritischer Schwellenwerte – wie der Klimaerwärmung von maximal 2 Grad Celsius – aufgrund der vielen Nichtlinearitäten und irreversiblen Veränderungen absehbar sind.

„et“: Alles andere wäre Wunschdenken?

Madlener: Energiesparen durch Effizienzfortschritte ist in einem weiter wachsenden System und angesichts vieler ungesättigter materieller Bedürfnisse schlichtweg eine Illusion. Selbst wenn das weltweit verfügbare Angebot an fossiler Energie gleich hoch bleiben würde und wir alle nur mehr hoch effiziente Geräte und Anlagen anschaffen, was macht die Welt mit der „eingesparten“ bzw. frei gewordenen Energie? Sind dann plötzlich alle unsere Bedürfnisse und jene der Schwellen- und Entwicklungsländer gedeckt und das Wachstum der Weltbevölkerung gestoppt? Erlauben nicht erst Produktivitätsfortschritte – wie beispielsweise bei der Erdöl- und Erdgasförderung oder der Abholzung der Regenwälder – die noch intensivere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen? Der gesunde Menschenverstand antwortet hier klar mit „Nein“. Technischer Fortschritt ist Fluch und Segen zugleich, aber wir kommen wohl nicht länger umhin, mehr in Gesamtzusammenhängen zu denken, die Endlichkeit unseres Planeten endlich anzuerkennen und vielleicht die Arterhaltung dem unmittelbaren eigenen kurzfristigen Vorteil überzuordnen.

„et“: Herr Prof. Madlener, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte André Behr, Wissenschaftsjournalist, Zürich, im Auftrag der „et“-Redaktion

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