Freitag, 17. November 2017
Anzeige

-   Topthema

Bedeutung der Wasserkraft für die weltweite Stromerzeugung

Hans-Wilhelm Schiffer

Die erneuerbaren Energien haben in den letzten zehn Jahren – nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit – überproportional starke Zuwachsraten verbuchen können. Dies gilt insbesondere in der Stromerzeugung. Gerade die neuen erneuerbaren Energien weisen ein beständiges, starkes Wachstum auf und gewinnen so gegenüber der konventionellen Erzeugung immer weiter an Boden. Trotzdem ist die Wasserkraft unverändert die mit Abstand bedeutendste erneuerbare Energiequelle in der Stromerzeugung. Eine Analyse zeigt, dass die Wasserkraft bis 2050 signifikante Beiträge zu einer nachhaltigen und klimaschonenden Energieversorgung leisten kann, wenn es gelingt, ihre noch ungenutzen Potenziale zu heben.

Während die gesamte weltweite Stromerzeugung von 2004 bis 2014 mit jahresdurchschnittlichen Raten von 3,0 % zugenommen hat, haben die erneuerbaren Energien ein Wachstum von 5,3 %/Jahr verzeichnen können. Besonders dynamisch ist die Entwicklung zugunsten der neuen erneuerbaren Energien, wie vor allem Sonne und Wind, verlaufen. Die Wachstumsrate für diese Energien erreicht 15,4 % pro Jahr; für Wasserkraft waren es im gleichen Zeitraum 3,3 %/Jahr. So entfielen 16,6 % der weltweiten Stromerzeugung im Jahr 2014 auf die Wasserkraft – die anderen erneuerbaren Energien (einschließlich biogene Stoffe) kamen insgesamt auf einen Beitrag von 6,2 % (Abb. 1).

Rolle der Wasserkraft nach Staaten

Die Bedeutung der Wasserkraft unterscheidet sich zwischen den Weltregionen sehr stark. Entscheidend sind die differierenden wirtschaftlich nutzbaren Potenziale aufgrund natürlicher Gegebenheiten.

China führt die Rangliste der Staaten mit Wasserkraftnutzung mit großem Abstand vor dem zweitwichtigsten Land – Brasilien – an. So belief sich die Gesamtkapazität der Stromerzeugung auf Basis von Wasserkraft in China Ende 2014 auf 280 Gigawatt (GW). Das entspricht 27 % der weltweiten Kapazität von 1 055 GW. Die Stromerzeugung auf Wasserkraftbasis in China erhöhte sich 2014 auf 1 070 Terawattstunden (TWh). Das sind ebenfalls 27 % der weltweiten Stromerzeugung aus dieser Quelle (Tab. 1).

Tab. 1: Rangliste der Top-Sechs-Staaten bei Kapazität und Stromerzeugung auf Basis Wasserkraft 2014
Kapazität* Zuwachs 2014 Stromerzeugung
GW GW TWh
China 280 22,0 1 070
Brasilien 89 3,3 393
Kanada 77 1,7 375
USA 79 0,0 259
Russland 48 1,1 164
Indien 45 1,2 144
Rest der Welt 437 7,7 1 502
Welt 1 055 37,0 3 907
*) Ende 2014 (ohne Pumpspeicher)
Quelle: REN21, Renewables 2015 Global Status Report, S. 53

In der Rangliste der wichtigsten Staaten folgen Brasilien, Kanada, USA, Russland und Indien. Das erste westeuropäische Land unter den TOP 10 ist Norwegen mit Platz 7 in der Weltrangliste. Dort ist der Anteil der Wasserkraft an der gesamten Stromerzeugung mit 96 % außerordentlich hoch.

Länder mit Wasserkraftanteilen von 50 % und mehr – gemessen an der gesamten Stromerzeugung – finden sich auf allen Kontinenten. Weitere Beispiele in Europa sind Albanien (89 %), Island (68 %), Kroatien (63 %), Österreich (61 %) und Schweiz (56 %). In Asien können – neben anderen – Tajikistan (98 %), Laos (92 %), Georgien (75 %) und Myanmar (73 %) genannt werden. In Afrika sind es Mozambique (100 %), Sambia, Togo und Äthiopien (jeweils 99 %) sowie Sudan (67 %). In Kanada lag der Wasserkraft-Anteil an der Stromerzeugung 2014 bei 62 %. In Südamerika werden die höchsten Anteile für Paraguay (100 %), Uruguay (70 %), Brasilien und Kolumbien (jeweils 67 %) sowie Venezuela (61 %) ausgewiesen. In Neuseeland konnten 2014 rund 56 % der Stromerzeugung aus Wasserkraft bereitgestellt werden (Tab. 2).

Tab. 2: Bedeutung der Stromerzeugung aus Wasserkraft nach ausgewählten Staaten 2013
Kontinent/Region Staat Leistung in MW Erzeugung in GWh Wasserkraft in % an gesamter Stromerzeugung
Europa Russland 47 300 174 800 16
Norwegen 29 400 129 000 96
Frankreich 20 500 75 700 13
Schweden 16 300 61 000 38
Türkei 22 500 59 200 25
Italien 16 185 54 672 19
Schweiz 13 800 41 000 56
Österreich 9 500 41 000 61
Island 1 884 12 354 68
Kroatien 1 849 6 289 63
Albanien 1 446 5 175 89
Asien China 260 000 905 000 17
Indien 39 600 143 000 13
Japan 22 217 80 234 7
Tajikistan 4 628 15 641 98
Nord-Korea 5 000 13 365 71
Laos 3 263 11 140 92
Myanmar 2 900 7 688 73
Georgien 2 676 7 151 75
Bhutan 1 510 7 550 100
Afrika Mozambique 2 180 14 994 100
Sambia 1 836 11 230 99
Kongo (DR) 2 472 7 772 99
Ghana 1 580 7 206 56
Sudan 2 250 6 553 67
Äthiopien 1 886 6 549 99
Nord-Amerika Kanada 76 100 388 000 62
USA 79 020 269 000 6
Süd-Amerika Brasilien 85 700 375 000 67
Venezuela 16 000 80 011 61
Paraguay 8 810 72 695 100
Kolumbien 9 300 41 800 67
Peru 3 604 21 733 55
Uruguay 1 538 7 497 70
Costa Rica 1 750 7 127 76
Ozeanien Neuseeland 5 500 23 953 56
Anmerkung: nur Staaten mit Wasserkraft-Kapazität > 1 000 MW und Stromerzeugung aus Wasserkraft > 50 TWh und/oder Anteil Wasserkraft an Stromerzeugung > 50 % ausgewiesen
Quelle: WEC, World Energy Resources, 2015 Hydropower Report, London 2015

Seit 1980 hat sich die weltweite Stromerzeugungskapazität auf Basis von Wasserkraft mehr als verdoppelt – mit einem starken Aufwärtstrend in den letzten zehn Jahren. Die größte Bedeutung hat der Ausbau der Wasserkraft in Entwicklungs- und Schwellenländern. Diese Länder kennzeichnet eine überdurchschnittlich stark zunehmende Stromnachfrage, die eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft ist. In vielen dieser Staaten, wie bspw. Indien und verschiedenen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent, haben große Teile der Bevölkerung noch keinen Zugang zu Elektrizität.

2014 wurden 37 GW Wasserkraft-Kapazität in Betrieb genommen. Dies entsprach einem Anstieg um 3,6 % im Vergleich zum Vorjahr auf 1 055 GW zum Jahresende.

Der stärkste Leistungsaufstockung wurde 2014 in China realisiert. Sie belief sich auf nahezu 22 GW gegenüber dem Stand von Ende 2013. Das Xiluodu-Kraftwerk am Fluss Jinsha (13,86 GW), das 2013 bereits mit zwei Dritteln der Kapazität in Betrieb gegangen war, ist 2014 fertiggestellt worden. Es ist das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk – nach Chinas Three Gorges (22,5 GW) und Brasiliens Itaipu. Ferner wurde das Kraftwerk Xiangjiaba am Fluss Jinsha 2014 in Betrieb genommen, das mit einer Kapazität von 6,4 GW das drittgrößte chinesische Wasserkraftwerk ist. Und schließlich konnte der letzte Block des Nuozhadu-Kraftwerks (5,85 GW) am Fluss Lancang 2014 in Betrieb gesetzt werden, das viertgrößte Wasserkraftwerk in China. Insgesamt verfügt China damit über 46 Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 1 GW.

In Brasilien hat sich die Wasserkraft-Kapazität 2014 um 3,3 GW erhöht. Trotzdem ging die Stromerzeugung auf Basis von Wasserkraft aufgrund anhaltender Trockenheit zurück. Der Anteil der Wasserkraft an der gesamten Stromerzeugung, der 2011 noch größer als 90 % war, fiel 2014 auf gut zwei Drittel zurück. In Kolumbien konnte das Sogamoso-Wasserkraftwerk fertiggestellt werden, das mit einer Kapazität von 820 MW künftig etwa 10 % des Strombedarfs des Landes decken kann.

Auch die USA waren 2014 im dritten Jahr in Folge von Trockenheit betroffen. Dies führte zu einem Rückgang der Stromerzeugung auf Basis von Wasserkraft. Der Staat mit der drittgrößten Zunahme der Wasserkraft-Kapazität war 2014 Kanada (+ 1,7 GW). Trotzdem verminderte sich auch dort die Stromerzeugung aufgrund geringer Niederschlagsmengen.

In der Türkei wurden 1,35 GW Wasserkraft-Kapazität 2014 neu in Betrieb genommen. Die Gesamtkapazität vergrößerte sich damit auf 23,6 GW. Trotzdem konnte auch in der Türkei – ebenfalls als Ergebnis der Trockenheit – mit 40 TWh nur eine deutlich geringere Strommenge auf Basis der Wasserkraft erzeugt werden als 2013.

In Indien erhöhte sich die Wasserkraft-Kapazität 2014 um 1,2 GW auf 45 GW. Gemessen an Kapazität und Erzeugung ist Indien damit das weltweit sechstgrößte Wasserkraft-Land – nach China, Brasilien, Kanada, USA und Russland. In Russland ist die Wasserkraft-Kapazität 2014 um 1,1 GW auf 48 GW gestiegen.

In Äthiopien wurden 2014 Fortschritte bei dem Grand Renaissance-Projekt am Fluss Abbay (Blue Nile) erreicht, das bei Fertigstellung eine Kapazität von 6 GW haben wird. Nachbarstaaten (Ägypten und Sudan) hatten Bedenken wegen der Auswirkungen des Projektes geltend gemacht. Anfang 2015 haben Äthiopien, Ägypten und Sudan eine gemeinsame Declaration of Principles for co-operation on the sustainable and fair use of the Nile Basin water resources herausgegeben.

In allen angegebenen Zahlen nicht enthalten sind die Pumpspeicher-Kraftwerkskapazitäten. Diese werden 2014 weltweit auf 146 GW geschätzt.

Beim World Hydropower Congress, der vom 19. bis 21.5.2015 in Beijing stattfand, hat der World Energy Council (WEC) den 2015 Hydropower Report vorgestellt. Dieser Bericht, der im Rahmen der Aktivitäten des World Energy Resources Programme des WEC erstellt wurde, weist u. a. das Wasserkraft-Potenzial differenziert nach Staaten aus. Das größte bisher ungenutzte Potenzial besteht demnach in Entwicklungs- und Schwellenländern. So finden sich in der TOP 10-Rangliste der Staaten mit bisher noch nicht entwickelten Wasserkraft-Potenzialen mit Russland, China, Indien, Brasilien, Indonesien, Peru, Kongo und Tajikistan acht Entwicklungs- bzw. Schwellenländer. Aber auch in Kanada und in den USA bestehen noch große bisher nicht genutzte Potenziale (Tab. 3).

Tab. 3: Rangliste der zehn Staaten mit dem größten verbleibenden Potenzial für die Nutzung von Wasserkraft zur Stromerzeugung
Gesamtes Potenzial TWh/Jahr Gegenwärtig genutzt % Noch ungenutzt TWh/Jahr
Russland 1 670 10 1 502
China 2 140 41 1 259
Kanada 1 181 32 799
Indien 660 21 523
Brasilien 818 48 425
Indonesien 402 3 389
Peru 395 6 373
DR Kongo 314 2 307
Tajikistan 317 5 301
USA 529 52 256
Quelle: International Hydropower Association, veröffentlicht in World Energy Council, World Energy Resources, 2015 Hydropower Report, London, S. 38

Perspektiven der Wasserkraft für die weltweite Stromerzeugung

Die Internationale Energie-Agentur hat die Stromerzeugungskosten (Investitions- und Brennstoffkosten sowie Kosten für Betrieb und Instandhaltung sowie für CO2) auf Basis der verschiedenen Technologien einem Vergleich unterzogen. Für die Stromerzeugung aus Wasserkraft werden die Stromerzeugungskosten im weltweiten Durchschnitt innerhalb der bevorstehenden 25 Jahre auf etwa 50 US$/MWh (gerechnet in 2014er US$, also in realen Größen) beziffert. Dies ist weniger als die geschätzten Stromerzeugungskosten auf Basis konventioneller Anlagen (fossil und nuklear) und unterschreitet deutlich die Kostenangaben, die für andere erneuerbare Energien gemacht werden – 2020 um rund 55 % und auch 2040 noch um etwa 40 %.

Wasserkraftwerke haben somit einen strompreisdämpfenden Einfluss, und sie mindern gleichzeitig die Risiken, die mit dem Import von preisvolatilen fossilen Energien verbunden sind. Insofern tragen Wasserkraftwerke zur Verbesserung der Versorgungssicherheit bei. Schließlich sind mit dem Ausbau der Wasserkraft eine Schonung fossiler Ressourcen sowie eine Minderung der CO2-Emissionen verbunden. Speicherkraftwerke sind zudem geeignet, zum Ausgleich der fluktuierenden Einspeisung von Strom aus Wind und Sonne beizutragen.

Entsprechend ist auch künftig mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends bei der Stromerzeugung aus Wasserkraft zu rechnen. Aktuelle Prognosen und Szenarien zu den weltweiten Perspektiven der Energieversorgung, die Zahlen zur künftigen Stromerzeugung nach Energieträgern ausweisen, sind insbesondere die Vorausschätzungen von ExxonMobil sowie die Szenarien der International Energy Agency, Paris, der Energy Information Administration, Washington DC und des World Energy Council, London. Laut Berechnungen dieser Institutionen steigt die globale Stromerzeugung auf Basis von Wasserkraft bis 2040 um ein bis zwei Drittel im Vergleich zum Stand des Jahres 2014 (Abb. 2).

Diese Zahlen ergeben sich aus der Prognose von ExxonMobil, dem Reference Scenario der Energy Information Administration (EIA), dem New Policies Scenario (NPS) der International Energy Agency (IEA) sowie den zwei Szenarien des World Energy Council (WEC), Jazz und Symphony.

Der WEC hat – im Unterschied zu den drei anderen genannten Institutionen – auch Zahlen für 2050 veröffentlicht. Auch für diesen Zeithorizont gilt: Die Ergebnisse zeigen erhebliche Abweichungen – bedingt durch die unterschiedlichen Annahmen, die beiden Szenarien zugrunde liegen. Zur bildhaften Charakterisierung der Szenarien hat sich der WEC verschiedener Musikrichtungen bedient. So wurden die zwei gewählten Pfade „Jazz“ und „Symphony“ genannt:

  • Jazz wird als Musik-Stil verstanden, der durch eine starke, aber flexible rhythmische Struktur mit Solo- und Ensemble-Einlagen gekennzeichnet ist. Die einzelnen Jazz-Musiker haben die Freiheit, die Führung zu übernehmen und zu improvisieren.
  • Eine Symphonie ist demgegenüber ein komplexes Musikstück mit einer festen Struktur, gespielt von einem Orchester. Das Orchester hat einen Dirigenten. Den Mitgliedern des Orchesters ist eine spezifische Rolle zugeschrieben, der sie bei ihrem Spiel folgen.

Diese beiden Szenarien sollen das Energie-Trilemma adressieren. Das beinhaltet soziale Gerechtigkeit, Energie-Versorgungssicherheit sowie die Klima- und Umweltschutzdimension. Dabei ist im Szenario „Jazz“ der Fokus auf den individuellen Zugang zu Energie und deren Bezahlbarkeit mittels wirtschaftlichen Wachstums gerichtet. Demgegenüber liegt die Priorität im Szenario „Symphony“ auf dem Erreichen von Umweltzielen und Versorgungssicherheit durch international koordinierte Politiken und Instrumente. Die wichtigsten Unterschiede in den Annahmen, die den vom Paul-Scherrer-Institute für die beiden Szenarien durchgeführten Modellrechnungen zugrunde liegen, sind:

  • Im Jazz-Szenario wird mit 3,54 %/Jahr bis 2050 von einem stärkeren Anstieg der weltweiten Wirtschaftsleistung ausgegangen als in Symphony mit 3,06 %/Jahr.
  • Das höhere Wirtschaftswachstum dämpft die Bevölkerungsentwicklung; so wird in „Jazz“ für 2050 von einer Weltbevölkerung von 8,7 Mrd. ausgegangen, in „Symphony“ von 9,3 Mrd.
  • Die CO2-Preise sind – differenziert nach Weltregionen – für 2050 in „Jazz“ mit 23 bis 45 US$/t CO2 und in „Symphony“ mit 75 bis 80 US$/t CO2 angesetzt (jeweils im heutigen Geldwert, also in realen Größen, gerechnet).
  • In „Jazz“ wird nur eine begrenzte politische Unterstützung für ausgewählte Technologien unterstellt. Die Wahl der Technologien entscheidet sich in diesem Szenario im Wesentlichen nach den Prinzipien eines freien Marktes. Im Symphony-Szenario wird dagegen eine gezielte Unterstützung staatlich priorisierter Technologien angenommen, insbesondere auf Basis erneuerbarer Energien, aber auch für die Kernenergie und die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS).
  • Hinsichtlich der politischen Instrumente zum Erreichen von Nachhaltigkeitszielen wird in „Jazz“ erwartet, dass es nicht zu international bindenden Verpflichtungen zur Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen kommt, stattdessen nationale, regionale und lokale Initiativen vorherrschen. Demgegenüber setzt das Symphony-Szenario auf kosteneffiziente Marktinstrumente, um weltweit verbindlich vereinbarte Klimaziele zu erreichen.

Angesichts dieser differierenden Annahmen unterscheiden sich die Ergebnisse der durchgeführten Modellrechnungen. So steigt in „Jazz“ der Anteil der erneuerbaren Energien an der weltweiten Stromerzeugung bis 2050 auf 31 % im Vergleich zu 20 % im Jahr 2010, bei „Symphony“ sind es 2050 dagegen 48 % – darunter jeweils 16 Prozentpunkte auf Basis von Wasserkraft und Solarenergie (Abb. 3).

Für das Jazz-Szenario zeigt sich, dass Wind und Sonne die am stärksten wachsenden erneuerbaren Energien sind; allerdings ist Wasserkraft aufgrund der fortgesetzten stetigen Zunahmen auch in 35 Jahren noch die wichtigste erneuerbare Energiequelle. In „Symphony“ wächst Wasserkraft stärker als in „Jazz“. Aber vor allem die Solarenergie zeigt eine – im Vergleich zu „Jazz“ – noch deutlich stärkere Aufwärtsbewegung. Als Konsequenz leisten Wasserkraft und Solarenergie in diesem Szenario 2050 einen gleich hohen Beitrag zur globalen Stromerzeugung (Abb. 4).

Bis 2050 wird in Symphony eine Verdoppelung der Kapazität und auch der Stromerzeugung auf Basis von Wasserkraft angenommen. Damit bliebe der Anteil der Wasserkraft an der weltweiten Stromerzeugung in etwa unverändert auf dem heutigen Stand. Im Jazz-Szenario wird sich der Anteil der Wasserkraft – trotz der Zunahme in absoluten Größen – dagegen bis 2050 auf 11 % im globalen Mittel vermindern (Tab. 4).

Tab. 4: Kapazität, Erzeugung und Anteil der Wasserkraft an der globalen Stromerzeugung in den Szenarien des World Energy Council
Parameter 2010 2030 2050
Kapazität in GW
   Jazz 1 026 1 267 1 575
   Symphony 1 026 1 505 2 161
Erzeugung in TWh
   Jazz 3 491 4 550 5 789
   Symphony 3 491 5 408 7 701
Anteil Wasserkraft
   Jazz 16 % 13 % 11 %
   Symphony 16 % 17 % 16 %
Quelle: World Energy Council, World Energy Scenarios – Composing energy futures to 2050, London, October 2013

Die Nutzung der Wasserkraft hat erhebliche Bedeutung für den weltweiten Klimaschutz. Die dank der Wasserkraft vermiedenen CO2-Emissionen werden für 2014 auf weltweit 3,3 Mrd. t geschätzt. D. h.: ohne Einsatz von Wasserkraft zur Stromerzeugung hätten sich die weltweiten CO2-Emissionen 2014 auf etwa 35 Mrd. t belaufen. Von 2015 bis 2050 werden durch die Nutzung der Wasserkraft insgesamt mehr als 120 Mrd. t CO2-Emissionen vermieden (Abb. 5).

Künftige Rolle der Wasserkraft nach Weltregionen

Die Wasserkraft zeigt unterschiedliche Perspektiven für die verschiedenen Weltregionen. Der World Energy Council unterscheidet in seiner Untersuchung zwischen acht Weltregionen. Dies sind Nordamerika, Mittel- und Südamerika, Europa einschließlich Russland und Türkei, Mittlerer Osten und Nordafrika (MENA), Afrika südlich der Sahara, Süd- und Zentral-Asien, Ost-Asien, Südost-Asien und Pazifik (Abb. 6).

Die Entwicklung der Wasserkraft hängt auch in den verschiedenen Weltregionen sehr stark von dem betrachteten Szenario ab. In Jazz sinkt der Anteil der Wasserkraft in allen Regionen – trotz der Tatsache, dass die Stromerzeugung aus Wasserkraft in absoluten Größen überall zunimmt. In Symphony führen die Modellrechnungen zu einer Zunahme des Anteils der Wasserkraft an der Stromerzeugung in Nordamerika, in Ost-Asien, in Südost-Asien und in der Pazifik-Region. Ein stabiler Anteil wird für Europa ausgewiesen. Ein rückläufiger Anteil ergibt sich für Mittel- und Südamerika, die MENA-Region, Afrika südlich der Sahara sowie Süd- und Zentral-Asien. Trotz des sinkenden Anteils der Wasserkraft bleibt Mittel- und Südamerika die Region mit dem höchsten Anteil Wasserkraft an der Stromerzeugung.

Wichtige Rolle der Wasserkraft

Wasserkraft spielt eine wichtige Rolle für die Stromerzeugung. Dies gilt auch in Zukunft. Deren Nutzung ist von großer Bedeutung zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Im 2015 Hydropower Report des World Energy Council konnte gezeigt werden, dass Staaten, in denen der Anteil der Wasserkraft an der Stromerzeugung überdurchschnittlich hoch ist, grundsätzlich niedrigere CO2-Emissionen pro erzeugte kWh Strom aufweisen.

Bis 2050 werden dank des steigenden absoluten Beitrags der Wasserkraft zur Stromerzeugung mehr als 120 Mrd. t CO2-Emissionen vermieden. Das bisher noch ungenutzte Wasserkraft-Potenzial ist groß. Dessen Nutzung dient den zentralen Zielen der Energie- und der Klimapolitik. Zur Transformation der Energieversorgung im Sinne der Nachhaltigkeitsziele sind sowohl international abgestimmte Politiken und verbindlich geschlossene Vereinbarungen als auch das Setzen auf kosteneffiziente marktwirtschaftliche Instrumente unverzichtbare Strategien.

Literatur

  • BP: Statistical Review of World Energy. London 2015.
  • China Society for Hydropower Engineering (CSHE): Achievements and Prospects of Hydropower in China. Beijing, May 2015.
  • Energy Information Administration (EIA): International Energy Outlook 2013. Washington DC, July 2013 (der nächste International Energy Outlook der EIA erscheint im November 2015).
  • ExxonMobil: The Outlook for Energy: A View to 2040. Irvin, Texas, Dezember 2014.
  • International Energy Agency: Renewables Information. Paris, August 2015.
  • International Energy Agency, World Energy Outlook (WEO) 2014. Paris, November 2014 (der WEO 2015 erscheint im November 2015).
  • International Hydropower Association: 2015 Key Trends in Hydropower. Sutton, London, May 2015.
  • REN21.2015: Renewables 2015 Global Status Report. Paris 2015.
  • World Energy Council, 2015 Hydropower Status Report. London, May 2015.
  • World Energy Council: World Energy Scenarios – Composing Energy Futures to 2050. London, October 2013.

Dr. H.-W. Schiffer, Ausführender Vorsitzender World Energy Resources, World Energy Council, London und Berater des Vorstands der RWE AG, Essen
hans-wilhelm.schiffer@rwe.com

Service
   Heftbestellung / Abo
   Termine
   „et“ online lesen
   Shop
   Verlagsverzeichnis
   Jahresinhalte
   Mediadaten
   "et" für Autoren
   Kontakt

Energiekarriere

Das neue Karrieremagazin energiekarriere jetzt kostenlos lesen!
Energiekarriere
Online lesen
Download als PDF


Sommer-Special 2017

Intelligente Energieinfrastruktur

Jahrgangs-CD

Suche

Aktuelles Heft
Inhalt der Ausgabe 11/2017
Schwerpunkt: Sektorenkopplung
Netzentgelte/Umlagen: Effektive Klimapolitik erfordert eine systemische Reform
Energiewende: Welchen Beitrag kann die Gasinfrastruktur leisten?
Verkehr: Wasserstoff – Energie der Zukunft?
mehr...
Anzeige
Tipps zur Navigation
Wussten Sie schon, dass Sie in jedem auf der Website vollständig veröffentlichten Artikel zum Fußnotentext springen können, indem sie auf den Fußnotenverweis [1] klicken? Von dort können sie wieder an die alte Position zurückkehren, wenn sie den Rückpfeil ↩ anwählen. Ebenso wird das entsprechende Bild im großen Format aufgerufen, wenn sie auf einen Abbildungsverweis (Abb. X) klicken.

  1. Dies ist der Text der Beispielfußnote. Klicken Sie auf den Pfeil hinter dem Text:  
 
EW Medien und Kongresse GmbH
Montebruchstraße 20 | D-45219 Essen | Telefon: +49 (02054) 9532-0 | Telefax:  +49 (02054) 9532-60

Aktuelles Heft  | Zukunftsfragen  | Topthema  | Weitere Themen  | Termine  | Heftbestellung  | Mediadaten  | Ansprechpartner

Copyright 2012 by ONexpo  |  anmelden  |  Impressum |  AGB