Donnerstag, 22. November 2018
-   Der Kommentar
Brückentechnologie in eine CO2-freie Zukunft

Bärbel Brockmann, Journalistin, Köln

Der Rodungsstopp im Hambacher Forst ist nur vorübergehend. So lange, bis das Verwaltungsgericht Köln im laufenden Verfahren zum Hauptbetriebsplan für den Braunkohletagebau Hambach entschieden hat. Das kann noch einige Zeit dauern. Gleichwohl ist dieser Rodungsstopp ein Zeichen: Jahrelange Proteste, teils mit viel Spektakel und sicher bedenklichen Mitteln, haben ihre Wirkung auf die deutsche Öffentlichkeit nicht verfehlt. Sie will raus aus der Kohle. Je schneller, desto besser. Und es bedarf keiner seherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass die Kohlekommission Ende des Jahres eher einen früheren als einen späteren Termin für das endgültige Kohle-Aus vorschlagen wird. Damit dürfte der Kohle auf Sicht dasselbe Schicksal widerfahren wie der Atomenergie. Auch ihr Ende war schon besiegelt, als die öffentliche Gefühlslage in der Folge des Fukushima-Unglücks den Ausstieg noch einmal beschleunigt hat. Was aber macht eine bevölkerungsreiche Industrienation, wenn sie damit relativ kurzfristig auf gleich zwei Energiequellen verzichtet und derzeit gerade einmal gut ein Drittel des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien kommt? Sie sollte vernünftigerweise auf Gas setzen. Dieser Brennstoff hat gleich drei überzeugende Vorteile: Es gibt genug davon – viele Vorkommen liegen zudem in politisch unbedenklichen Regionen – er ist vergleichsweise billig und unter den fossilen Energieträgern derjenige mit dem kleinsten CO2-Fußabduck. Gas eignet sich damit sehr gut als Brückentechnologie in eine CO2-freie Zukunft.

Derzeit bezieht Deutschland den größten Teil seines Gases durch Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Russland. Die Quellen des Nachbarlandes versiegen in der Nordsee allmählich, dafür sind die Reserven in Russland schier unermesslich. Das Land könnte also noch viel mehr liefern als heute – und will das auch. Das zeigt die Entschlossenheit, mit der die Russen die neue Ostseepipeline Nord Stream 2 voran bringen. Der Bau parallel zur vorhandenen ersten Pipeline hat schon begonnen. Ende 2019 soll die neue Leitung mit ebenfalls zwei Strängen fertig sein. Die Kritik daran reißt nicht ab. Vor allem der amerikanische Präsident Donald Trump lässt keine Gelegenheit aus, dagegen zu wettern. Er wirft seinem NATO-Verbündeten Deutschland vor, sich vom Feind abhängig zu machen und die Versorgungssicherheit zu riskieren. Tatsächlich liefert Russland schon seit den Zeiten des Kalten Krieges unterbrechungsfrei Gas. Kein Wunder, denn es hat mangels Alternativen ein erhebliches Interesse, seine Energieprodukte als Devisenbringer zu exportieren. Aber das Getöse aus Washington wird langsam leiser. Vor Monaten angedrohte Sanktionen für europäische Energieunternehmen, die das Projekt mitfinanzieren, sind vom Tisch. Das mag damit zusammenhängen, dass EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker grundsätzlich versprochen hat, mehr amerikanisches LNG-Gas abzunehmen. Denn darauf kommt es dem Präsidenten vor allem an. Er will der heimischen Gasindustrie bei der Suche nach neuen Absatzmärkten unter die Arme greifen. Ohne neue Kunden im Ausland droht der inzwischen weltgrößte Gasproduzent USA auf seinem Rohstoff sitzen zu bleiben. Tatsächlich kann man das aber nicht erzwingen, weder politisch und erst recht nicht ökonomisch. Denn amerikanisches Gas ist vor allem durch die Transportkosten heute noch deutlich teurer als Pipeline-Gas. Doch ähnlich wie die Fracking-Kosten durch neue Methoden geschrumpft sind, könnte technologischer Fortschritt auch den Transport günstiger und das Produkt Gas damit auch für Europa wettbewerbsfähig machen.

Grundsätzlich spricht nichts gegen eine weitere Diversifizierung des Gasbezugs. Im Gegenteil: Mehr Wettbewerber vergrößern die Versorgungssicherheit und versprechen günstigere Preise. Dank der LNG-Technologie wächst der Gasmarkt weltweit zusammen. Es ist denkbar, dass in Zukunft vermehrt LNG-Gas aus Algerien, Katar oder Indonesien den Weg auf den europäischen Kontinent findet. Sichtbare Folge davon ist bereits seit einigen Jahren, dass sich fast alle Lieferanten an Deutschland an den Spot-Hub-Preisen orientieren müssen und auch Russland, lange verwöhnt durch die Ölpreisbindung, darauf eingehen musste.

Gas ist auch der realistische Brennstoff der Wahl auf dem Weg zu einer CO2-freien Zukunft. Allen Anstrengungen im Zuge der Energiewende zum Trotz wird nämlich das – inzwischen schon wieder kassierte – Versprechen der Bundesregierung bei weitem nicht erfüllt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Statt mit dem Kopf vor die Wand zu rennen, könnte man mit Gas einen langsameren, dafür aber gangbaren Weg für mehr Klimaschutz wählen. Immerhin entsteht beispielsweise bei der Verbrennung von Gas nur halb so viel CO2 wie bei der Verbrennung von Braunkohle. Auch sind die Gaskraftwerke hierzulande kaum ausgelastet. Fällt die billige Kohle weg, ist Gas immerhin ein preisgünstiger Ersatz.

Auch die sogenannte Verkehrswende sollte sich nicht komplett auf die Elektroschiene verlassen. Dafür braucht es viel Strom, und grün ist das Ganze nur, wenn der Strom aus Erneuerbaren kommt. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Mit Verbrennungsmotor betriebene Erdgasautos emittieren immerhin rund 25 Prozent weniger CO2 als solche, die mit Benzin fahren. Es entstehen dabei auch deutlich weniger Stickoxide und Feinstaub wird so gut wie gar nicht in die Luft geblasen. Der fossile Brennstoff Gas ist also ein guter Begleiter der Energiewende. Er kann außerdem die Versorgungssicherheit in Zeiten ohne Atomkraft und ohne Kohle gewährleisten. Dazu trägt auch das zu erwartende Mehrangebot durch LNG und zusätzliches Pipelinegas bei. Dies wiederum sorgt für bezahlbare Preise. Der Verbraucher könnte sich freuen. Aber das muss man ihm erst einmal klarmachen.

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