Montag, 24. Juli 2017
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Blockchain-Tag für die Energiewelt 2017

„Blockchain“, eine Technologie, die sich zuerst im Bankenbereich entwickelt hat und nun auch auf den Energiebereich überschwappt, gewinnt an Popularität in der Fachwelt – einschlägige Publikationen und Veranstaltungen nehmen zu. Die zentrale Frage dabei ist, wie substanziell das Ganze für die Bewältigung der Aufgaben aus Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung und Systemintegration ist. Inwieweit kann also die Blockchain die bestehende Energiewelt in dieser Richtung verändern? Der von der Solarpraxis Neue Energiewelt AG veranstaltete Blockchain-Tag für die Energiewelt 2017 (27.1. in Berlin) berichtete über den aktuellen Stand.

Dezentralisierung der energiewirtschaftlichen Prozesse und Blockchain passen augenscheinlich gut zusammen. Was aber ist Blockchain? Kurz gesagt werden dabei in informationstechnischer Hinsicht gleichrangige Transaktionen (Peer-to-Peer-Verbindungen) in einer Kette von Datenblocks, daher der Name, auf allen beteiligten Rechnern gespeichert, und das zu niedrigen Transaktionskosten. Entscheidend ist, dass eine zentrale Kontrolle etwa durch eine Bank, eine Börse oder ein EVU fehlt. Mit sog. Smart Contracts werden Mengen, Preise und Qualitäten definiert. Mit Blockchain können Erzeuger und Verbraucher direkt zusammenkommen. Dass dadurch die Energiewelt in breiterer Form revolutioniert wird, ist aus heutiger Sicht offen.

Studien sehen Potenzial

Mittlerweile sind einige Studien zum Potenzial der Blockchain-Technologie für die Energiewirtschaft erschienen. Beispielsweise die Untersuchung von PricewaterhouseCoopers im Auftrag der Verbraucherzentrale NRW oder die von dena/ESMT.

Udo Sieverding, Leiter des Bereiches Energie der VZ NRW, erläuterte die Ergebnisse der erstgenannten Studie. Es zeigt sich, dass die durch Blockchain vereinfachte, unmittelbare Vermarktung vor allem für Prosumer, die ihren eigenen Strom verkaufen, Vorteile bringen kann. Dies gilt auch für die reinen Strom- oder Gaskunden, wenn sich die eingesparten Mittlerprozesse und niedrigen Transaktionskosten tatsächlich niederschlagen. Zudem könnten damit schnellere Lieferantenwechsel möglich sein und im Messwesen durch Digitalisierung viel gespart werden. Doch wie sicher sind personenbezogene Daten in einer dezentralen Datenbank auf Tausenden von Rechnern? Wer haftet, wenn eine zentrale Instanz fehlt? Und schließlich: Wie wird Versorgungssicherheit gewährleistet? Derartige, im Positionspapier der VZ NRW zu Blockchain formulierte Fragen müssen gewissenhaft beantwortet werden.

Christoph Burger von der ESMT Berlin berichtete, dass Potenziale für Anwendungen von den 70 befragten Führungskräften für Handelsplattformen, Abrechnung, Zählwesen, Netzmanagement und E-Mobility gesehen werden. Über 80 % der Befragten sehen in der Blockchain-Technologie einen Game Changer; 52 % experimenierten bereits damit. Es wurde auch deutlich, dass die breite, erfolgreiche Nutzung stark von den regulatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Außerhalb des bestehenden regulatorischen Systems kann die Blockchain dezentrale Lösungen wie etwa Solarkiosk oder Mobisol pushen, innerhalb seiner Grenzen ist es aufgrund von schwer beeinflussten Netzentgelten und hohen Abgaben und Umlagen schwierig.

Die Sichtweise eines EVU schilderte Claus Wattendrup von Vattenfall Innovation. Er bestätigte das hohe Potenzial der Blockchain, verwies aber vor allem auch auf die Grenzen, wie z. B. die mit 17 Transaktionen pro Sekunde zu niedrige Kapazität der Technologie und der hohe Stromverbrauch für ihren Betrieb.

Die Energiebörse EEX sieht Blockchain nicht als Bedrohung, sondern vertraut auf ihre eigene Stärke als Vertrauenspartner, der öffentlich reguliert ist und über den Börsenrat einer demokratischen Kontrolle unterliegt. Anwendungsmöglichkeiten sieht Maximilian Rinck von der EEX im regionalen Energiehandel, in Orts- und Teilnetzen, sowie Quartieren, Inseln sowie bei Engpässen. Also immer dann, wenn Großhandel technisch nicht möglich ist.

Das Potenzial der Blockchain-Technologie ist stark regulierungsabhängig. Beim bestehenden Rahmen müsste ein Prosumer die Belieferung eines Endkunden bei der Regulierungsbehörde anzeigen, da er damit zum EVU wird. Hinzu kommen weitere Vorschriften des Energiewirtschaftsgesetzes bezüglich Verträgen etc. Das könnte man durch Aggregatoren, die die Blockchain im Prinzip nicht anders einbinden als eine Datenbank, umgehen.

Über ein derartiges Praxisprojekt namens P2P Energie Pilot, bestehend aus einer PV-Anlage und einem Smart Meter mit Gateway, berichtete Kerstin Eichmann von innogy SE. Zu den Schlüsselergebnissen zählt, dass über die Prognosen auf Basis der Smart Contracts die voraussichtliche Produktion bekannt und die Mikrofahrpläne in die Übertragungsnetze eingeplant werden können. Es hat sich u. a. gezeigt, dass die Blockchain-Integration einfach, die Abbildung der unterschiedlichen Prozesse über die Smart Contracts aber komplex ist.

Noch viel zu tun für Regulierung und Akteure

Der Erfolg der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft ist offen. Wichtige Aufgaben stehen sowohl für die Regulierung als auch bei den Marktakteuren an. Nur wenn der Rahmen passt, können mit der Blockchain einhergehende Geschäftsmodelle punkten. Diese müssen aber erst einmal schlüssig dargestellt werden.

Ansatzpunkte und Projekte gibt es zum Beispiel beim Thema Grünstromnachweise, Mieterstrom oder der gemeinsamen Nutzung von Ladepunkten für E-Fahrzeuge, wobei es generell um die Abrechnung von Kleinst-Energiemengen geht. Alles in allem bleibt der Blockchain-Technologie eine noch größere Aufmerksamkeit bei den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik hierzulande zu wünschen.

Franz Lamprecht

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