Donnerstag, 23. November 2017
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Demographie und Energie

„Wir werden weniger, wir werden älter, wir werden einsamer, wir werden multikultureller und wir werden digitaler.“ Auf diese kurze Formel brachte Dr. Christoph Müller von der Netze BW GmbH beim Debatten-Abend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg am 3.12.2014 in Stuttgart die zentralen Fakten zum demographischen Wandel in Deutschland. Doch was folgt daraus für die Energieversorgung?

Der demographische Wandel ist ein „Megatrend“. So nennt man gesellschaftliche Transformationsprozesse, die sich über einen langen Zeitraum entfalten und gravierende Veränderungen zur Folge haben. Für den Unternehmensberater Prof. Dr. Hans-Gerd Servatius hat das Thema deshalb „große strategische Bedeutung für die Energieversorger, die gesamte Wirtschaft und die Politik“. Während die Weltbevölkerung wächst, wird die Einwohnerzahl in Deutschland bis zum Jahr 2060 um rd. 10 Mio. zurückgehen. Gleichzeitig wird die Gesellschaft sehr schnell älter. Die Relation der arbeitenden Bevölkerung zu den Senioren werde sich, wie Dr. Ralf Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ausführte, bereits in wenigen Jahren von 3:1 auf 2:1 ändern. Die steigenden Zuwandererzahlen könnten diesen Trend verlangsamen, aber nicht stoppen.

„Wir schrumpfen auf jeden Fall – unabhängig von der Zuwanderung“

Diese Entwicklung verläuft in Deutschland sehr unterschiedlich. Während Städte wie München oder Berlin in den kommenden zehn Jahren um rd. 100 000 Einwohner – also um eine mittlere Großstadt – wachsen werden, schrumpft die Bevölkerung in den ländlichen Regionen. Nicht nur im Osten Deutschlands würden, so Henger, „ganze Landstriche entvölkert“, sondern auch im Saarland, in Oberfranken, in Nordhessen oder im Ruhrgebiet. Die Folge dieser „gespaltenen Republik“ seien steigende Mieten und Immobilienpreise in den Ballungsräumen mit einem starken Nachfrageüberhang insbesondere nach kleinen Wohnungen, denn die Zahl der Ein-Personen-Haushalte geht steil nach oben. Umgekehrt versuchen ländliche Regionen diesen Trend durch die Ausweisung neuer Baugebiete mit billigem Bauland aufzuhalten. Diese Zersiedelung der Landschaft erfordert jedoch lange Versorgungsleitungen für eine Infrastruktur, die von immer weniger Menschen bezahlt werden muss. Für Energieversorger folgen daraus, so Servatius, Absatzeinbußen und ein höherer Anteil an fixen Kosten mit der Gefahr, dass die Preise in Regionen steigen, die bereits strukturschwach sind.

„Marketing für die Pampa“

Für den Immobilienökonomen Henger stellt sich deshalb die Frage, wie Investitionen in den ländlichen Raum gelenkt werden können, damit sich diese Prozesse nicht weiter verschärfen. Der Unternehmensberater Servatius sieht die Energieversorger in der Pflicht. Es gelte, je nach Region und Demographietyp, sehr differenzierte Strategien zu entwickeln: „Jetzt müsste man Marketing machen für die Pampa. Man kann auch im Sauerland eine glückliche Kindheit haben.“ Vor allem müssten die Energieversorger ihre Kunden besser verstehen lernen. In der Vergangenheit hätten sie nur den „Otto Normalverbraucher“ im Blick gehabt. Im Zuge des demographischen Wandels biete sich die Chance, vor allem zwei Zielgruppen gezielt anzusprechen: „jüngere, internetaffine Bürger, die eine gezieltere Ansprache über digitale Kanäle erwarten“ und auf der anderen Seite ältere Bürger, die z. B. spezielle Angebote für das altersgerechte Wohnen suchen. Dafür müssten jedoch bei den Unternehmen die notwendigen Kompetenzen aufgebaut werden.

„Wie schaffen wir es, Technik zu gestalten, die keine überflüssigen Daten produziert?“

Für Cornelia Tausch aus dem Vorstand der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hängt der demographische Wandel eng mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft zusammen: „Wir haben als Trend die absolute Vernetzung der Haushalte“, und zwar nicht nur bei der Nutzung von Smartphone und Apps beim Einkaufen oder im Bereich Mobilität, sondern auch in der Konzeption von Neubauten, die oft bereits komplett vernetzt sind. Dies ermögliche auf der einen Seite neue Angebote, z. B., indem ältere Menschen Assistenzsysteme nutzen oder in ländliche Regionen den Hausarzt per „Telemedizin“ konsultieren könnten. Andererseits sieht sie vor allem beim Datenschutz erheblichen Handlungsbedarf: „Der Stromanbieter will plötzlich Daten von mir. Was macht er damit?“ Alle Daten würden zunächst einmal gespeichert, „und wenn sie einmal gespeichert sind, dann kann man sie mit Sicherheit in irgendeinem Geschäftsmodell auch irgendwie nutzen“.

„Der Energieverbrauch wächst nicht mehr, selbst bei steigender Wirtschaftskraft“

Die Nachfrage nach zentral erzeugter Energie sinke um 7 % pro Jahr, ein Trend, den die Energiebranche so noch nicht erlebt habe, so Dr. Christoph Müller von der Netze BW GmbH. Mit über 40 000 verkauften Smart Metern sei die EnBW bei digitalen Angeboten bereits gut unterwegs. „Aber haben wir das schon alles verstanden?“ fragte sich der Energiemanager und antwortete selbstkritisch: „Ich glaube nicht. Wir suchen alle noch unseren Weg.“ Mit einem intelligenten Stromzähler gewinne der Verbraucher Transparenz über den Stromverbrauch und könne viele versteckte Verbräuche entdecken – ein Beitrag zur Energieeffizienz. Er sei aber noch kein Produkt, dass den Energieversorgern „aus den Händen gerissen wird“. Zunächst einmal seien Smart Home-Produkte deshalb eine Plattform, „um Innovation zu ermöglichen“. Für eine flächendeckende Einführung, wie sie der Koalitionsvertrag vorsieht, würden aber nicht nur die finanziellen Rahmenbedingungen fehlen, sondern auch die Vorgaben zum Schutzprofil durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Vorgaben, die man „sehr gerne erfüllen würde“, so Müller.

Holger Schäfer

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